Ayran,Tee und Emotionen

EM-Spiel Türkei - Kroatien: Vor Ort im Klubhaus des FC Bosporus Kassel 

+
Beim Public Viewing im Klubhaus des FC Bosporus: Osman Albayrak (vorne rechts) ist fast immer da, wenn die Türkei spielt. Viele Spieler und Fans des Vereins treffen sich dort, um die Spiele gemeinsam zu verfolgen. 

Kassel. Mit türkischen Fahnen geschmückte Autos stehen auf dem Parkplatz. Über den Zaun weht der Geruch von gegrilltem Fleisch, obwohl es angefangen hat zu regnen. Drinnen, im Klubhaus des FC Bosporus Kassel, sitzen rund 40 Menschen.

Einige spielen Karten. Auf den Tischen steht Tee, Kaffee und Ayran. Alle warten auf den Beginn des EM-Spiels der Türkei gegen Kroatien in Paris.

Auf der Leinwand sind nicht die bekannten Gesichter der ARD zu sehen. Hier beim FC Bosporus schaut man die EM-Spiele auf TRT 1, einem öffentlich-rechtlichen Sender der Türkei. Im Nebenraum haben die Jugendspieler ihren Platz, die nicht im Raucherraum sitzen sollen. Fünf Hartgesottene verfolgen das Spiel trotz des Regens draußen auf einem Fernseher unter einem Schirm.

Neben ihnen steht Hasan Karacam am Grill. Was von ihm als gut befunden wird, landet unter anderem im Fladenbrot für einen Döner.

Applaus brandet auf, als Schiedsrichter Jonas Errikson aus Schweden die Partie anpfeift. „Für uns Türken ist Fußball teilweise mehr als Religion. Wir leben ihn, wir lieben ihn“, sagt Osman Albayrak, sportlicher Leiter des FC Bosporus. Er erwartet kein torreiches Spiel, ein Unentschieden zur Pause. Wer zuerst trifft, wird gewinnen, schätzt er.

Bis zur 41. Minute behält Albayrak recht, dann nimmt der Kroate Luka Modric einen abgewehrten Eckball volley – der Ball kommt direkt vor Torwart Volkan Babacan auf und geht ins Netz. Die Gespräche verstummen. Albayrak hofft jetzt, dass der aus Kassel stammende Yunus Malli seine Chance bekommt und in der zweiten Halbzeit eingewechselt wird.

Dann ist Pause. Mittlerweile sind aus den 40 Menschen 60 geworden. Grillmeister Karacam steht mit seiner Zange im Klubhaus und stellt zusätzliche Stühle in den Raum. „Hasan ist super“, sagt Albayrak. „Es ist zwar nicht sein Grill, aber er lässt niemanden sonst ran.“

Ein Raunen geht durch den Raum, als kurz nach dem Wiederanpfiff ein lauter Knall im Pariser Prinzenpark zu hören ist. Dann herrscht Stille. Es ist spürbar, dass alle ein mulmiges Gefühl haben. Es ist nur ein Böller, trotzdem möchte niemand diese Geräusche bei der EM hören.

Mit jeder Minute, die vergeht, werden die Reaktionen im Klubhaus emotionaler. Paraden des türkischen Torwarts werden mit Beifall gefeiert, bei vergebenen Chancen und Fehlpässen die Tischplatte mit der Faust malträtiert. Pfiffe des Schiedsrichters gegen die Türkei werden lautstark kommentiert. „Jeder von uns ist der beste Trainer“, sagt Osman Albayrak.

Vier Minuten Nachspielzeit zeigt der vierte Offizielle an. Als drei davon abgelaufen sind, haben alle schon den Torschrei auf den Lippen, aber Innenverteidiger Hakan Balta bekommt den Ball nicht über die Linie gedrückt.

Nach 96 Minuten ist dann Schluss. Die Kroaten gewinnen das Auftaktspiel 1:0. Die Jüngeren verlassen enttäuscht das Vereinsheim. Die Älteren bleiben an ihren Tischen. Für sie beginnt nun die Zeit, die Niederlage zu analysieren.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.