Um die deutsche Nationalmannschaft muss sich auch nach dem EM-Aus niemand sorgen

Trotzdem Weltmeister

Großer Dirigent, wenn auch diesmal ohne großen Erfolg: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa

Es gab diese 30 Minuten im Spiel, die waren wie auf der Taktiktafel gemalt. Sie können als Lehrstück gelten für die Dominanz einer Mannschaft.

Nahezu das komplette Spiel war verlagert in die Hälfte des Gegners. Ging der Ball einmal verloren, dann wurde er prompt zurückerobert. Der Gegner bekam gar nicht erst die Chance zum Konter. Im Rücken des Teams hielt der Kapitän die Fäden zusammen.

Es waren nicht 30 Minuten in irgendeinem Vorrundenspiel. Es waren 30 Minuten der ersten Halbzeit im Europameisterschafts-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich. Sie zeigten, zu was diese deutsche Mannschaft in der Lage ist. Mehr als jede andere im internationalen Fußball kann sie einen Gegner durch ihre hohe Spielkultur und individuelle Klasse komplett beherrschen. Selbst dann, wenn einige Leistungsträger fehlen.

Die 30 Minuten zeigten natürlich auch, warum es diesmal nicht reichte gegen Frankreich. Es sind Nuancen, die in einem so langen und engen Turnier den Ausschlag geben. Diesmal fehlte in der Offensive ein Spieler, der die ganz große Turnierform zeigte. So einer eben wie Thomas Müller bei der WM in Brasilien. Die Franzosen hatten ihn in Antoine Griezmann. Und sie profitierten von einem unglücklichen Handelfmeter, einer daraus resultierenden Führung, die ihrer abwartenden Spielweise absolut entgegenkam.

Dass sein Team die Phase größter Dominanz nicht in Tore, ja auch selten in zwingende Chancen ummünzte, wird Bundestrainer Joachim Löw beschäftigen. Zum verletzt fehlenden Mario Gomez hatte er keine Alternative im Zentrum. Auch der ab Sonntag 31-Jährige ist keine Option für eine langfristige Zukunft.

Löw wird sich Gedanken machen müssen über diese Position. Auch ein besser aufgelegter Müller kann dauerhaft nicht die einzige Möglichkeit sein. Löw wird sich auch Gedanken machen über die eigene Zukunft, zu der er nach dem Ausscheiden keine Auskunft geben wollte. Der Vertrag des 56-Jährigen läuft bis zur WM 2018, der Verband möchte frühzeitig verlängern.

Er sollte das auch tun. Es gibt nichts auszusetzen an Löws Arbeit, die geprägt ist von strukturellem Denken, großer Gelassenheit und dem perfekten Gefühl für die Zusammensetzung eines Teams. Wenn nach dem Aus in einigen Medien plötzlich Kritik laut wird am Auftritt in Frankreich, dann ist das eher Zeichen überzogenen Anspruchsdenkens. Sogar von fehlender Demut des deutschen Fußballs ist die Rede, weil Bundestrainer wie Nationalspieler sich nach dem Aus für die bessere Mannschaft hielten.

Natürlich kann man sagen: Die bessere Mannschaft gewinnt Spiele. Fakt ist aber: Deutschland war die reifere Mannschaft, die spielstärkere. Nicht nur im Halbfinale, sondern im gesamten Turnier. Wenige Minuten nach der Niederlage erreichte die Redaktion am Donnerstag die E-Mail eines Lesers. Titelvorschlag: Deutschland ist und bleibt Weltmeister. Es ist kein Zeichen fehlender Demut, so einen Satz zu sagen. Die Nationalmannschaft hat ein Turnier gespielt, das eines Weltmeisters würdig ist. Sie hat in Löw einen Trainer, der eines Weltmeisters würdig ist. Und sie kann in den kommenden Jahren auf Spieler bauen, deren Fähigkeiten so groß sind, dass sie im Kampf um Titel immer ein Kandidat sein wird.

Wenn die Enttäuschung über diesen Elfmeter, dieses unglückliche Aus, verflogen ist, dann wird klar sein: Es gibt Schwachstellen, an denen zu arbeiten ist. Aber es muss sich niemand sorgen um diese Nationalmannschaft.

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