WhatsApp-Welle und fromme Wünsche

Viertelfinal-Gucken mit Isländer Birgisson: Der Ein-Mann-Autokorso fällt aus

Im Nationaldress: (von links) Dennis Müller, Jakob Birgisson und Papa Siggi Narfi Birgission. Foto: Streuff

Sichelnstein. Er hätte es getan. Er wäre nach dem Abpfiff durch Sichelnstein gefahren und hätte den beschaulichen Staufenberger Ortsteil hupend aus der nächtlichen Idylle gerissen.

Denn mit einem breiten Grinsen im Gesicht hat Siggi Narfi Birgisson am Mittwochabend genau das angekündigt für den Fall, dass seine isländischen Landsleute das Viertelfinale gegen Gastgeber Frankreich gewinnen würden: „Ich mache einen Ein-Mann-Autokorso.“ Dass Island 2:5 verliert, liegt jedenfalls nicht am Optimismus des 43-Jährigen.

Vor dem Anpfiff

Im Stall musste alles etwas schneller gehen als sonst. Die 40 Island-Pferde aber sind versorgt, als Siggi Birgisson versucht, auf dem heimischen Balkon zur Ruhe zu kommen. Im Island-Trikot fachsimpelt er mit Freund Dennis Müller: „Diese EM hat die Liebe zu unserem Land bei allen Isländern noch einmal verstärkt.“

Auch in Deutschland steht Island hoch im Kurs – so hoch, dass ständig WhatsApp-Nachrichten auf Birgissons Handy eintrudeln. So hoch, dass ihm andere Reiter beim Turnier am Nachmittag in Bad Driburg gern sein Island-Trikot abgekauft hätten. Das aber, das gibt der Pferdezüchter und Bereiter nicht her.

Das Spiel

Tochter Greta (5) muss einen guten Schlaf haben. Denn pünktlich zum Anpfiff stehen Papa Siggi und ihr Bruder Jakob (10) die Island-Flagge schwenkend vor dem Ferseher und jubeln: „Afram Island“ – auf geht’s Island. Kumpel Dennis grinst. Die Flagge hing kurz zuvor noch im Vorgarten. Keine Frage, wie die Tipps ausfallen: 1:0 sagt Birgisson, 2:1 oder 1:0 Jakob, 3:2 Kumpel Dennis. Anpfiff.

Viel zu schnell passiert’s: Olivier Giroud trifft. Der Isländer in Sichelnstein springt auf. Flucht kurz. Setzt sich wieder hin. „Jetzt geht’s halt richtig los.“ Müller ergänzt: „Ich mache mir keine Sorgen.“ Birgissons Schwester schickt ein kurzes Video. Sie betreibt ein kleines Restaurant in Island und vermittelt einen Eindruck davon, was gerade auf der kleinen Insel abgeht. „Da passen 20 Leute rein. Jetzt sind sie zusammengequetscht bis draußen auf der Terrasse“, erklärt Birgisson. Fans im Stadion werden gezeigt, er „huht“ mit. Hilft aber nichts. Paul Pogba macht das 2:0. Seine Erkenntnis: „Die Franzosen haben anders als die Engländer ihre Hausaufgaben gemacht. Bitte jetzt kein Schützenfest.“ Das bleibt ein frommer Wunsch. „Ihr müsst jetzt schon mal was risikieren“, fleht er den Bildschirm an. Doch die Spieler in Paris hören ihn nicht. Dimitri Payet und Antoine Griezmann erhöhen noch vor der Pause auf 4:0. Ein bisschen isländischer Vulkan steckt auch in Birgisson. Er brodelt. Eine Whatsapp kommt: „Das wird nichts mehr.“ Pause.

Wenn schon verlieren, dann wenigstens mit Anstand. „Egal wie das hier ausgeht, sie kommen heim als Helden. Und wir machen unser Tor“, lautet Birgissons neue Devise. Auch Freund Dennis hat die gute Laune nicht verloren. Neuer Tipp: „5:4, egal wer es wird.“ Die 53. Minute beginnt, der Isländer wird zum Orakel. „Jetzt könnte doch eigentlich unser Gudjohnsen kommen.“ Kommt er auch – allerdings wechselt das Trainerduo Islands Fußball-Legende erst in der 83. ein.

In Paris stecken die Wikinger nicht auf. Kolbeinn Sigthorssons trifft. Jakob ist längst im Bett, als Birgisson und Müller sich in die Arme fallen. 1:5 – „Warum nicht gleich so? Jetzt spielen wir uns in einen Rausch. Die haben in der Pause bestimmt Hammelhoden gegessen.“ Ob die isländische Delikatesse tatsächlich wohl neue Kräfte freisetzt? Denn es fällt tatsächlich noch ein Tor: Nach Girouds zweitem Treffer besorgt Birkir Bjarnarsson das 2:5.

Das Fazit

Der Kasseler Müller sagt: „Diese Isländer wird man so schnell nicht vergessen.“ Und Wikinger Birgisson kündigt an: „Das gibt dem Fußball in Island neue Luft. We’ ll be back. Und jetzt drücken wir Deutschland die Daumen.“

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