"Verbockt"

Ein Nobody verdirbt Southgate die perfekte Probezeit

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Die Engländer von Trainer Gareth Southgate kassierten späte Gegentreffer. Foto: Andy Rain

Darf Gareth Southgate bleiben? So lautet in England die große Frage nach dem vorerst letzten Spiel der englischen Nationalmannschaft unter dem Interimscoach. Nach dem Test gegen Spanien mischen sich in die allgemeine Begeisterung erste Misstöne.

London (dpa) - Auf die letzten sieben Minuten seiner siebenwöchigen Probezeit hätte Gareth Southgate sicher gerne verzichtet.

Der Interimstrainer der englischen Fußball-Nationalmannschaft musste im Londoner Wembley-Stadion tatenlos mit ansehen, wie sein Team im Test gegen Spanien nach einer 2:0-Führung in der Schlussphase doch noch zwei Gegentore kassierte - die ersten in der Vier-Spiele-Amtszeit von Southgate. Gerät die sichergeglaubte Beförderung des 46-Jährigen zum Chefcoach nun durch das 2:2 in Gefahr?

In die bisher allgemeine Begeisterung um Southgate mischten sich jedenfalls am Tag nach dem Match prompt erste Misstöne. "Verbockt", titelte zum Beispiel die Zeitung "The Daily Telegraph". Nach Ansicht der "The Times" war der späte Ausgleich im Prestige-Duell der beiden Ex-Weltmeister nach einem für die "Three Lions" in jeder Hinsicht enttäuschenden Jahr "ein letzter Tritt ins Gesicht".

Auf die Gretchenfrage hatte der leicht betrübte, wie immer aber sehr zurückhaltende Southgate vorerst keine Antwort: "Ich weiß nicht, was jetzt passiert. Ich habe ein paar Tage zu Hause und dann ziemlich viele Meetings im Kalender für nächste Woche", sagte der frühere Profi und U-21-Trainer kurz nach dem Abpfiff am Dienstagabend.

Nach den zwei Siegen gegen Malta (2:0) und Schottland (3:0) sowie den Unentschieden gegen Slowenien (0:0) und Spanien zog Southgate Bilanz: "Es war eine tolle Erfahrung für mich", meinte der Mann aus Watford. "Ich habe es komplett genossen mit den Spielern zu arbeiten und sehe Potenzial in der Truppe. Ich hab in einem Moment der Instabilität übernommen, und wir haben die Stabilität zurückgebracht und eine Basis für das Team geschaffen."

Vor allem die Abwehr hat der Mann, der selber 57-mal für England verteidigte, vorerst stabilisiert. Aber eben nur bis zur Schlussphase gegen Spanien. Nach dem Elfmetertor von Liverpool-Profi Adam Lallana (8. Minute) und das 2:0 durch Leicester-City-Stürmer Jamie Vardy (48.) drehten die lange Zeit beherrschten Gäste auch ohne die verletzten Stars Sergio Ramos, Gerard Piqué, Andrés Iniesta, Diego Costa und Jordi Alba kurz vor Schluss auf.

Angetrieben wurde "La Roja" von "Nobody" Iago Aspas, der Southgate die perfekte Job-Bewerbung verdarb. Der Stürmer von Celta de Vigo wurde nach der Pause eingewechselt und feierte mit 29 Jahren ein spätes, dafür um so gelungeneres Debüt. Mit einem Traumtor verkürzte er zum 1:2 (89.). Danach spielte er die Gegner weiter schwindlig, bis Isco in der sechsten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich erzielte.

Während die Medien in Spanien von einem "schrecklichen Spiel" der Schützlinge von Trainer Julen Lopetegui sprachen, die Reaktion aber mit Schlagzeilen wie "Stolz" ("Marca") und "Wunder" ("Sport") feierten, freute sich Aspas: "Ich könnte nicht glücklicher sein". Er ließ sich sein Trikot von allen Kollegen unterschreiben, denn: "Ich weiß nicht, ob ich wiederkommen darf."

Das weiß auch Southgate nicht. Bei einem Blick in die Blätter vom Mittwoch dürfte er - trotz Misstöne - aber doch eher optimistisch sein. Die späte Wende werde die Chancen von Southgate "sicher nicht beeinträchtigen", schrieb nicht nur "The Independent": "Er verdient es weiterhin, allein schon wegen der ersten 89 Minuten, in denen England wirklich hervorragend war."

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