Einfach zum Verneigen

Antoine Griezmann: Vergessen, verschmäht und nun verehrt

Die Verbeugung nach dem Halbfinale: Zwei Treffer erzielte Antoine Griezmann gegen die deutsche Elf. Foto:  dpa

Er traf die deutsche Elf mitten ins Herz. Zwei Tore beim 2:0 im Halbfinale, sechs Turniertreffer insgesamt: Der 25-jährige Antoine Griezmann ist der Held der Franzosen.

Im Finale am Sonntag gegen Portugal (21 Uhr/ARD) kann „Grizou“, wie er in Anlehnung an Zinedine Zidanes Spitznamen „Zizou“ genannt wird, seine überragende Leistung krönen – mit dem dritten EM-Titel Frankreichs nach 1984 und 2000.

Griezmann wächst im 35 000-Einwohner-Ort Macon nördlich von Lyon auf. Ohne Ball geht er selten aus dem Haus, und die Schulstunden versucht er in der letzten Reihe irgendwie zu überstehen. Danach ist Kicken angesagt. Gegen Hauswände und Türen, auf dem Flur oder Kunstrasenplatz. Sein Vorbild in dieser Zeit ist der Tscheche Pavel Nedved von Lazio Rom.

Von kleinauf lernt Griezmann, bescheiden zu sein. Vater Alain arbeitet bei der Stadtverwaltung, Mutter Isabelle hat südeuropäische Wurzeln und ist Krankenschwester. Zur Familie gehört außerdem der fünf jahre jüngere Bruder Theo, der noch studiert, und die drei Jahre ältere Schwester Maud. Sie hat während der Pariser Anschläge das Blutbad im Bataclan überlebt und kümmert sich mitterweile um die PR-Arbeit für Antoine.

Zu klein, zu schmächtig

Dazu wäre es aber fast nicht gekommen, denn in der Jugend interessierte sich kein französischer Klub für Griezmann. Und die Absagen waren immer die gleichen: Zu klein, zu schmächtig. Dann kam der große Moment, der das Leben des 14-Jährigen verändern sollte. Während eines Jugendturniers steckte ihm Talentscout Eric Olhats von Real Sociedad San Sebastian einen Zettel mit einer Nachricht und einer Telefonnummer in die Tasche. Griezmann dachte an einen Streich seiner Mitspieler, rief aber trotzdem an. Wenig später verpflichtete ihn der spanische Klub.

Der Jugendliche wohnte bei Olhats in Bayonne, fuhr jeden Tag 50 Kilometer über die Grenze zum Training. Sein Tag dauerte von 5 bis 21 Uhr, jeden Abend meldete sich Antoine Griezmann bei seiner Mutter – und weinte in den Telefonhörer. Aber der Fußball half ihm über das Heimweh hinweg. 2009 gibt er mit 18 Jahren sein Profidebüt in der zweiten spanischen Liga, ein Jahr später dann in der Primera Division. Und er steht nur noch einmal vor dem Aus einer vielversprechenden Karriere. Als er 2012 im Rahmen eines Trainingslagers mit dem französischen U21-Nationalteam in Le Havre ausriss und sich mit Kollegen in einem Nachtclub von Paris vergnügte, wurde er vom Verband mehr als ein Jahr suspendiert.

Trotzdem geht es danach bergauf. 2014 wechselt Griezmann für 30 Millionen Euro zu Atletico Madrid, und knapp zwei Jahre später steht er nach seinem entscheidenden Halbfinal-Tor gegen die Bayern im Endspiel der Champions League. Dort verschießt er einen Elfmeter und verliert das Stadtduell gegen Real Madrid. Ein Tiefpunkt? Mitnichten. Denn sechs Wochen später könnte der Spieler, den einst keiner haben wollte und der nun etwa 100 Millionen Euro wert ist, umso mehr jubeln. Als Europameister.

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