EM-Experte Hamann: Tikitaka ist noch lange nicht tot

Unser Mann für die Taktik: Matthias Hamann. Foto: dpa

Kassel. Er ist auch diesmal unser Experte: Matthias Hamann, früherer Bundesligaspieler, Ex-Trainer des KSV Hessen Kassel und aktuell Scout für Jürgen Klinsmann und sein US-Nationalteam, analysiert für uns Spiele und Taktik. Vor dem Turnier in Frankreich gaben wir die Stichworte – und Experte Hamann erzählte uns, was er erwartet.

• Stichwort taktisches System: Ist als starres Gerüst längst überholt. Ich sage ja immer im Spaß: 4-2-3-1 ist eine Leitlinie für Journalisten. So könnt ihr dem Ganzen ein Gerüst geben. Das Spiel ist ja längst in sich viel variabler, alles hängt davon ab, ob du gegen den Ball arbeitest oder in Ballbesitz bist. Dann verschiebt sich die Formation beispielsweise zum 4-1-4-1. Oder du ziehst die Außenverteidiger vor. Aus der Fünfer-Abwehrreihe wird im Vorwärtsgang dann eine Dreierkette. Ohnehin: Das Markenzeichen eines guten Teams ist hohe Flexibilität im System.

• Stichwort Tikitaka: Halten Sie das nicht für tot. Tikitaka ist noch lange nicht tot. Ich glaube: Je länger das Turnier dauert, desto mehr wird es an Bedeutung gewinnen. Die Sache ist doch ganz einfach: Wer den Ball hat, der bestimmt wo es lang geht. Und er spart Kraft. Das ist wichtig, wenn du vielleicht sieben Spiele in 30 Tagen hast. Hurrafußball ist meiner Meinung nach nicht zu erwarten.

• Stichwort taktische Überraschungen: Die sind immer noch möglich. Mexiko hat bei der Copa Amerika grad ein 3-4-3 mit Raute im Mittelfeld gespielt, also auf die Außenpositionen nahezu verzichtet. Wer in Frankreich überraschen könnte? Jogi Löw traue ich das immer zu. Taktische Flexibilität ist ja bei der Spielerausbildung längst Voraussetzung. Sein Kader kann das also. Beim Auftakt, in den ersten zwei Spielen, wird aber wohl Sicherheit das Handeln bestimmen.

• Stichwort Schlüsselpositionen: Sie wollen jetzt etwas zu den Außenpositionen hören, oder? Klar, die Außenbahn wird bei vielen Teams nur noch von einem Spieler besetzt. Die haben dann viel zu tun. Trotzdem sage ich: Die Schlüsselpositionen liegen immer noch im zentralen Mittelfeld. Das Tor steht schließlich in der Mitte. Du musst im Zentrum vor dem eigenen Tor gut organisiert sein. Und du musst im Zentrum ordentlich nach vorn spielen.

• Stichwort hohe Bälle: Das Stichwort geben Sie mit Blick auf Jerome Boateng, was? Sie haben auch recht. Der hohe Ball ist nicht mehr verpönt. Gerade unter Druck ist er oft die einfachste Lösung. Du hast nicht das Risiko wie beim Klein-Klein-Herausspielen. Mit einem Ball über 40, 50 Meter hast du gleich mal fünf, sechs Spieler überspielt. So kannst du sehr gefährlich werden. Umgekehrt sind hohe Bälle oft leicht zu verteidigen. Und um Ihnen mit Boateng zu kommen: Er kann es am Boden, er kommt mit Sprints hinten raus, er beherrscht den hohgen 40-Meter-Diagonalpass. Er ist in der Tat ein perfekter Innenverteidiger.

• Stichwort deutsche Sorgenzone: Wir haben weiter nicht die Außenverteidiger, die höchsten Ansprüchen genügen. Wie Löw da aufstellt, das ist für mich die spannendste Frage. Bringt er wie bei der WM nur Innenverteidiger? Oder kommt Jonas Hector zum Zug? Vielleicht helfen sogar Mittelfeldspieler aus.

• Stichwort Turnierspieler:  Wer die Stars des Turniers werden können? Da gibt es einige. Für mich hat ja Englands Dele Alli von Tottenham Hotspur gute Aussichten, einer der prägenden Akteure des Turniers zu werden. Ein großartiger Mittelfeldspieler. Frankreichs Antoine Griezmann ist ein interessanter Mann. Gespannt bin ich, was Mario Götze macht, auch, wie er seine Situation bei den Bayern verarbeitet. Ich traue ihm ein gutes Turnier zu.

• Stichwort Favorit: Ich glaube nicht an einen Außenseiter. Na klar, man weiß nicht, ob sich im Verlauf der Spiele so eine perfekte Turniermannschaft herauskristalisiert, wie Griechenland es dann war. Belgien hatte keine gute Vorbereitung. Schlüsselspieler wie Lukaku und Beteke waren nicht in bester Form. Wenn Sie also mich fragen: Es macht eine der großen Nationen. Deutschland, Spanien, Frankreich – und auch England traue ich diesmal schon einiges zu.

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