„Man kann den Mut dazu fördern“

Ex-Profi Stefan Reinartz über Packing, Özil und seine Beziehung zu Scholl

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Da fing alles an: Moderator Matthias Opdenhövel, Packing-Erfinder Stefan Reinartz und ARD-Experte Mehmet Scholl (v.l.) im Gespräch..

Seit der Fußball-EM ist Packing in aller Munde. Dabei geht es um ein Analyse-Modell, mit dem festgestellt wird, wie viele Gegner mit einem Pass aus dem Spiel genommen wurden.

Wir sprachen darüber mit Entwickler Stefan Reinartz.

Herr Reinartz, Sie haben Ihre Karriere schon mit 27 Jahren beendet. War Ihnen da schon klar, dass Ihre Zukunft im Packing liegt? 

Reinartz: Ja, ehrlich gesagt schon. Die Idee habe ich schon zweieinhalb Jahre mit mir rumgetragen. Und meine Karriere habe ich erst vor ein paar Monate beendet. Von daher war es schon im Kopf.

Wie ist die Idee für dieses Analyse-Modell entstanden? 

Reinartz: An der Sporthochschule Köln gab es mal eine Veranstaltung, an der ich teilgenommen habe, wo es um die bisherige Daten ging, und dass die alle keine Aussagekraft auf das Endergebnis eines Spiels haben. Anfangs war es deswegen eine wissenschaftliche Herausforderung, ob es überhaupt möglich ist im Fußball Kennzahlen zu entwickeln, die Aussagekraft auf das Ergebnis haben. Das war der Startpunkt für die Idee.

Ist das ein ganz neuer Ansatz, oder gab es ein Vorbild, an dem Sie sich orientiert haben? 

Packing bei der ARD: Das bedeutet die neue Statistik

Reinartz: Ich will mir nicht auf die Fahne schreiben, dass wir im stillen Kämmerlein etwas entwickelt haben, was noch nie jemand im Fußball verwendet hat. Wir haben eine Idee messbar gemacht, die es so schon auf dem Trainingsplatz gab. Nach dem schlimmen EM-Aus der Deutschen 2004 gab es einen großen Aufschrei. Nachwuchsleistungszentren wurden gegründet, und der Fußball wurde neu gelehrt. Da ging es viel um vertikales Spiel und das war die Zeit, in der ich als Fußballer ausgebildet wurde. Wir sind jetzt quasi das Medium, mit dem diese Idee datentechnisch umgesetzt wurde.

Was kann ich mit dieser Erkenntnis denn jetzt anfangen? 

Reinartz: Beim Gegner überspielen geht es darum, einen Mitspieler in Szene zu setzen und dabei so viele Gegenspieler wie möglich aus dem Spiel zu nehmen. Weil es einfach sehr effektiv ist, wenn weniger Gegner zwischen Ball und Tor stehen.

Interessant ist es aber auch, das Ganze einmal von der anderen Seite zu betrachten: Wer sind die Spieler, die dabei angespielt werden? Da kam bei der EM ein Spieler zum Vorschein, der in Deutschland immer wieder in der Kritik steht - Mesut Özil. Özil ist ein offensiver Spieler, von dem man erwartet, dass er viele Tore schießt, pfeilschnell ist oder dribbeln kann. Das sind aber alles keine Attribute von ihm.

Sondern? 

Reinartz: Die Frage ist ja: Wie schafft es Özil, dass er trotzdem in so vielen effektiven Situationen auftaucht? Bei Real Madrid hat er in zwei Jahren über 50 Tore vorbereitet. Bei Arsenal London hat er eine unfassbare Saison gespielt. Und in der Nationalelf ist er immer gesetzt. Warum ist da so? Wir glauben, dass es an der Kernfähigkeit liegt, sich in den freien Räumen zu zeigen. Mit ihm als Anspielstation hat es Deutschland bei der EM geschafft, 66 Gegner pro Spiel zu überspielen. Das ist Bestwert und macht ihn so wertvoll. Man braucht also nicht nur den Passgeber, sondern auch den Passempfänger, um nach vorne zu kommen.

Kann man das trainieren? 

Reinartz: Ich behaupte ja. Man kann den Mut dazu fördern. Dadurch, dass man die Wichtigkeit einer Aktion lobt. Dazu müssen Trainer nicht nur den guten Pass erkennen, sondern auch den guten Laufweg.

Haben Sie sich eigentlich schon immer gut mit Mehmet Scholl verstanden? 

Reinartz: Wir kennen uns erst seit ein paar Monaten.

Weil sich Scholl ja offensichtlich in dieses Analyseverfahren verliebt hat? 

Reinartz: Ihm gefällt anscheinend die Idee, die dahinter steht. Er war selbst Trainer. Man kann seinen Spielern viele Einzelfälle erklären. Man kann aber auch die Idee des Packings vermitteln, weil es wahrscheinlich notwendig ist, Spieler aus dem Spiel zu nehmen, um ein Tor zu erzielen.

Darf man sich in Zukunft auf weitere Analyse-Tools von Stefan Reinartz freuen? 

Reinartz: Wir arbeiten definitiv an weiteren Ideen und Modellen. Zum Beispiel das Thema „Wie kompakt steht eine Mannschaft?“. Kann man das in einen Wert fassen? Wir sind nur interessiert an Werten, die einfach sind und trotzdem eine Aussagekraft auf das Endergebnis haben. Damit ich einem Trainer erklären kann: Hey, ihr steht weniger kompakt, deswegen entstehen Räume und deswegen seid ihr öfter überspielt worden.

Zur Person:

Stefan Reinartz (27) wurde am 1. Januar 1989 in Engelskirchen geboren. 2006 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag bei Bayer 04 Leverkusen, für die er auch schon in der Jugend aktiv war. Im Sommer 2016 beendete er im Alter von 27 Jahren seine Profi-Laufbahn, nachdem er immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte.

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