Bayern-Experte und Fernseh-Kommentator über Peps Zeit in München

Fritz von Thurn und Taxis: "Guardiola ist durch und durch rätselhaft“

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Der Mann, der so unnahbar ist: Bayern-Trainer Pep Guardiola ist ein gewisser Künstler an der Seitenlinie. 

Kassel. Bayern München bestreitet am Samstag in Berlin das Pokalfinale gegen Dortmund (20 Uhr, ARD). Es wird das letzte Spiel von Pep Guardiola als Bayern-Trainer sein.

Was bleibt von ihm? Ein Gespräch mit Fritz von Thurn und Taxis, Kommentator beim Bezahlsender Sky und Bayern-Experte. 

Herr von Thurn und Taxis, Lothar Matthäus hat in einem Ranking der Bayern-Trainer Pep Guardiola nur auf Platz sechs gesetzt. Ist Guardiola tatsächlich nur Mittelmaß?

von Thurn und Taxis: Mittelmaß wäre das falsche Wort. Ich bin sehr skeptisch, wenn ich über Guardiola als Mensch und Vertreter des FC Bayern urteilen soll. In dieser Hinsicht hat er wenig dazu beigetragen, eine Legende zu werden. Rein sportlich im Sinne von einer systematischen Entwicklung der Mannschaft gehört er aber zum Besten, was es je beim FC Bayern gegeben hat. Wie er die Spieler besser gemacht hat, ist schon außergewöhnlich.

Ist es ein Makel, dass er die Champions League nicht gewonnen hat und somit eine Art Unvollendeter bleibt?

von Thurn und Taxis: Das hängt mit der Frage zusammen, wie sich ein Mensch darstellt. Einem Ottmar Hitzfeld oder einem Jupp Heynckes wäre das nicht zum Vorwurf gemacht worden. Wenn du dich aber so zurückziehst und praktisch keinen Kontakt zur Öffentlichkeit hast wie Guardiola, dann musst du natürlich alles gewinnen, sonst machst du dich angreifbar. So jemand wird ausschließlich an den Erfolgen gemessen, auch wenn das womöglich ungerecht ist.

Sie teilen also die Kritik Ihres Kollegen Marcel Reif, der Guardiola als unnahbar und undurchsichtig bezeichnet hat?

von Thurn und Taxis: Für mich ist Guardiola eine Sphinx gewesen – durch und durch rätselhaft. Man darf nicht vergessen: Ich als Sky-Kommentator habe in den drei Jahren mit Guardiola nicht einen einzigen Satz sprechen können. Das ist höchst ungewöhnlich, nicht üblich – und Guardiola auch anzukreiden. Wenn ich als Ausländer in ein neues Land komme, muss ich mich ein bisschen der Kultur und der Tradition dieses Landes und des Vereins anpassen. Das hat Guardiola nie getan. So haben wir Journalisten immer über ihn gesprochen, aber nie mit ihm. Das geht einfach nicht.

Was bedeutet in diesem Kontext der Wechsel Guardiolas nach Manchester City für den FC Bayern?

von Thurn und Taxis: Die Hierarchen des Vereins werden sehr froh sein, dass diese Zeit vorbei ist, weil es mit Guardiola nicht immer leicht war. Auch die Verantwortlichen hatten ja kaum Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Guardiola hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen, ist vor seinem Computer gesessen und hat den Gegner nicht drei- oder viermal beobachtet, sondern sechs- oder siebenmal.

Das heißt?

von Thurn und Taxis: Viele im Verein werden aufatmen, wenn jetzt Carlo Ancelotti kommt. Er ist ein hervorragender Taktiker, enorm erfahren – und auch den Freuden des Lebens nicht abgeneigt: Er trinkt ganz gern einen guten Wein und isst gut. Er wird den Verein ganz anders repräsentieren, als es Guardiola getan hat. Und das ist heutzutage ja auch enorm wichtig.

Und Ancelotti erzählt gern den einen oder anderen Witz.

von Thurn und Taxis: Das ist einfach ein freundlicher und sehr angenehmer Mensch. Die Mischung macht es bei ihm. Ihm kann keiner etwas vormachen. Er hat ja vor zwei Jahren mit Real Madrid selbst die Bayern unter Guardiola taktisch ausgetrickst. Er hat alles drauf und wird die Mannschaft lockerer führen als Guardiola. Das wird sie auch genießen. Denn wenn man mal ein bisschen näher hingeschaut hat bei den Spielen, war das Verhältnis der Spieler zu Guardiola überhaupt nicht gegeben. Die Spieler haben selbst entschieden, was sie auf dem Feld machen, wobei sie natürlich erstklassig geschult und im Training stark gefordert wurden – womöglich sogar zu stark.

Den Alles-Umwälzer Jürgen Klinsmann und den Egomanen Louis van Gaal haben die Bayern nach einiger Zeit entlassen. Warum haben sie Guardiola machen lassen?

von Thurn und Taxis: Man wusste ja von Guardiola nicht so viel. Er hatte davor ja nur bei seinem Heimatverein FC Barcelona trainiert. Insofern musste man erst einmal schauen, ob das passt. Die Bayern sind ein gewisses Abenteuer eingegangen. Sie haben es dann für drei Jahre laufen lassen. Es galt ja schließlich als Erfolg, dass der vermeintlich beste Trainer der Welt in die Bundesliga wechselt.

Was bleibt von Pep Guardiola?

von Thurn und Taxis: Ich habe das erste Spiel in der Champions League unter ihm als Bayern-Trainer kommentiert – damals bei Manchester City. Ich habe mich schnell gewundert, warum die Engländer gar nicht in die Zweikämpfe hineinkommen. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis ich begriffen habe, dass dies am perfekten Positionsspiel der Bayern gelegen hat. Das war schon sehr beeindruckend und ein Ergebnis Guardiolas akribischer Arbeit. Insgesamt: eine diskutable Persönlichkeit, die aber sportlich unbestreitbar Verdienste hat.

Fritz von Thurn und Taxis (65) ist in Linz (Österreich) geboren. Seine journalistische Laufbahn begann 1971 beim Bayerischen Rundfunk. Seine Schwerpunkte: Fußball und Eishockey. 1993 wechselte von Thurn und Taxis dann zum Bezahlsender Premiere, der nun Sky heißt. Für ihn kommentiert der Bayern-Experte Fußballspiele live. Von Thurn und Taxis ist seit 1977 verheiratet und lebt in München.

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