Interview

Lizarazu: Deutschland hat von allen das größte Potenzial

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Bixente Lizarazu, Franzose und Ex-Bayern-Spieler, spricht im tz-Interview über das EM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich.

München - Bixente Lizarazu, Franzose und Ex-Bayern-Spieler, spricht im Interview über das EM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich.

Vor Franck Ribéry gab es noch einen anderen Monsieur beim FCB: Bixente Lizarazu. Von 1997 bis 2004 und von 2005 bis 2006 spielte der Franzose für die Bayern und war dabei, als die Roten 2001 den Henkelpott in Mailand gewannen. Welt- und Europameister mit der Équipe Tricolore wurde er ebenfalls, weshalb er vor dem Halbfinale der deutschen Mannschaft gegen les Bleus der perfekte Gesprächspartner für die tz ist. Das Interview mit Liza (46).

Übrigens: Wir haben bereits zusammengefasst, wie Sie das Halbfinale Deutschland gegen Frankreich live im TV und Live-Stream sehen können.

Monsieur Lizarazu, Frankreich gegen Deutschland. Was denken Sie über Jogi Löws Truppe?

Bixente Lizarazu: Italien war ein schwerer Brocken, so wie immer. Sie werden womöglich lachen, aber soll ich Ihnen mal etwas sagen?

Bitte!

Lizarazu: Die Deutschen haben sehr italienisch gespielt. Taktisch clever, defensiv ausgerichtet und ohne große Risiken einzugehen. Üblicherweise spielt Deutschland sehr offensiv, da sie gegen Italien aber oft Probleme hatten, hat Joachim Löw seine Philosophie kurzzeitig über Bord geworfen und lieber eine defensive Marschroute eingeschlagen.

Mit Erfolg.

Lizarazu: Zweifelsohne. Italien war nicht mehr das Italien, das die Spanier geschlagen hatte. Ihre Konter über Eder und Pelle haben die Deutschen gekonnt unterbunden, das war jedoch nur mithilfe der defensiven Ausrichtung möglich. So sind zwei Mannschaften aufeinandergetroffen, deren Fokus sich auf die Abwehr reduzierte, weshalb die Tore auch nur nach minimalen Fehlern entstanden sind. Ein rechtes Fußballfest war das ja nicht, es gab schließlich keine großen Torchancen.

Können Sie die Entscheidung des Bundestrainers nachvollziehen?

Lizarazu: Ich kann Löw verstehen. Er wollte nicht allzu sehr nach vorne spielen, da er wusste, dass die Italiener den deutschen Stil nahezu auswendig können. So hat er den italienischen Angriff im Zaum gehalten, weshalb am Ende die Elfmeter über den Sieger entscheiden mussten. Dazu braucht man Glück, und in diesem Fall war es auf der Seite der Deutschen.

Ihr Ex-Kamerad Mehmet Scholl war über die Umstellungen nur mäßig amüsiert.

Lizarazu (lacht): Verstehen Sie mich nicht falsch! Mir gefällt dieser Stil auch nicht, denn wenn ich an deutschen Fußball denke, dann denke ich an: Offensive, Tempo und wenig Taktik. Aber man muss Folgendes akzeptieren: Wenn man achtmal gegen Italien spielt und davon kein einziges Mal als Sieger vom Platz geht, dann hat man schlichtweg ein Problem mit Italien. Dann muss man etwas ändern und auch mal hässlich gewinnen.

Bixente Lizarazu: Das traue ich Deutschland bei der EM 2016 zu

Was trauen Sie der Mannschaft nun zu?

Lizarazu: Sie haben das größte Potenzial im Turnier, so viel steht fest. Bislang haben sie sich stetig gesteigert und verfügen auf sämtlichen Positionen über Spitzenleute. Khedira und Kroos geben im Zentrum eine gute Figur ab und gerade Kimmich gefällt mir sehr. Ihn auf die rechte Außenposition zu befördern, war in meinen Augen goldrichtig. Fest steht aber auch, dass die Ausfälle von Gomez und Khedira schwer wiegen, Leute wie Höwedes oder Mustafi hinten oder Schürrle und Götze vorn können sie aber ersetzen, ohne, dass das Niveau der Mannschaft gravierend fällt. Darum würde ich mir jetzt nicht allzu viele Gedanken machen.

Und wie lautet Ihr Fazit über Ihre Franzosen?

Lizarazu: Auch wir steigern uns. Peu à peu. In einer EM, in der bereits Mannschaften wie Russland, Belgien oder Spanien die Koffer packen mussten, sind wir sehr glücklich, dass wir nach wie vor im Turnier sind. Und auch wenn das 5:2 gegen Island beeindrucken war, wissen wir noch nicht so recht, auf welchem Level sich die Mannschaft befindet. Ganz einfach weil sie sich bislang noch mit keiner großen Mannschaft messen musste. Island war ein unangenehmer Gegner, ein bisschen wie Wales, aber wir waren wach und sind ins Halbfinale eingezogen, wo jedoch ein anderes Kaliber auf uns wartet. Eine EM und Klubfußball sind ohnehin zwei verschiedene Paar Stiefel.

Wie meinen Sie das?

Lizarazu: Gegen Mannschaften wie Island reicht es nicht aus, einfach nur die bessere Mannschaft zu sein. Selbst wenn man weniger talentiert ist, dafür aber als Einheit und mit Aggressivität auftritt, kann man Erfolg haben. Der isländische Erfolg rührt nicht nur von ihrem Sieg gegen England. Sie haben Holland in der Quali geschlagen, Unentschieden gegen Portugal gespielt und dann England geschlagen. Um am Ende eine EM zu gewinnen, ist es schlichtweg unerlässlich, als Mannschaft und Einheit aufzutreten.

Lizarazu: Deutschland ist der erste Topfavorit, gegen den Frankreich bei der EM 2016 spielt

Was erwarten Sie nun gegen die Deutschen?

Lizarazu: Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, da wir uns bei dieser EM bislang noch mit keinem der Topfavoriten gemessen haben. Was unsere bisherigen Gegner anging, können wir das Quäntchen Glück nicht leugnen. Viele Mannschaften tauen erst gegen die ganz Großen auf, so wie Italien zum Beispiel. Ob wir aktuell auf dem Level der Deutschen mithalten können, muss erst in Erfahrung gebracht werden.

Welche Bedeutung hat Antoine Griezmann für die Mannschaft?

Lizarazu: Eine überaus große, keine Frage. Er ist zwar etwas müde ins Turnier gestartet, weil er eine lange Saison hatte, nun hat er sich aber zum wichtigsten Spieler in der Offensive entwickelt. Payet sollte man auch nicht unterschätzen, derjenige, der vorne die Tore macht und dieses besondere Element mitbringt, ist aber Griezmann.

Wie gehen die Spieler damit um, dass sie zu Hause spielen?

Lizarazu: Bislang gut, aber das ist ein zweischneidiges Messer. Es kann sich gut auswirken, wie 1998 zum Beispiel, als wir im eigenen Land Weltmeister wurden. Oder es kann auch zu Übermotivation führen wie bei den Brasilianern vor zwei Jahren. Mit diesen Emotionen muss man ganz vorsichtig umgehen und sie zu kontrollieren wissen. Aber die Vergangenheit ist nicht die Gegenwart, das hat Deutschland mit seinem Sieg gegen Italien eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

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