„Mal ist man der Baum, mal ist man der Hund“

So geht das DFB-Team mit Kritik um

Evian-les-Bains/Paris – Der eine nimmt's mit der Humor, der andere wird philosophoisch - und Oliver Bierhoff wird sauer: Wie in der deutschen Nationalmannschaft mit Kritik umgegangen wird.

Mit Thomas Müller sollte man sich als Kritiker besser nicht anlegen. Denn Müller ist spitzfindig und allzeit zum Konter bereit. Passierte erst jetzt wieder in der DFB-Pressekonferenz. Da wollte ihn ein Fernsehreporter mit der Frage anspitzen, welches Handicap der begeisterte Golfer Thomas Müller denn bei sich als Fußballer sehe.

Da musste Müller belehrend werden: Im Golf habe ein Profi gar kein Handicap mehr, das Handicap sei in dieser Sportart nur dazu da, dass der schwächere Spieler sich mit dem stärkeren vergleichen könne. „Und ich bin Fußballprofi. Kein Handicap also. Da hätte man halt vor der Frage noch genauer bei Wikipedia nachlesen müssen.“ Aber Müller ist kein böser Gegenkritiker, sondern ein schon versöhnlicher. Er weiß ja, worauf die Frage zielen sollte: „Was bei mir momentan der Hemmschuh ist.“

Müller bekommt derzeit Kritik ab. Eine Wahrnehmungsgeschichte. Erlebt er öfter, dass sein eigenes Empfinden der Leistung sich nicht mit der öffentlichen deckt. Das geht in beide Richtungen. „Man hat den Eindruck, gut gearbeitet zu haben, aber kein Tor geschossen. Doch nur, wer das Tor macht, ist der Gute.“ Umgekehrt: „Ich fand mich nicht so besonders, habe aber getroffen, und es heißt dann: Müller war der Retter.“ Da sitze er dann zuhause und sinniere: Was ist nun die Wahrheit?

Cristiano Ronaldo gehe es wohl noch extremer als ihm. Bei dem Portugiesen sah Müller im Spiel gegen Österreich „viele gute Aktionen – doch beim Elfmeter fehlen ihm zehn Zentimeter“. Und nun ist der berühmte CR7 nicht der perfekte Athlet, sondern der eitle Trottel, der es mit seinem Nationalteam einfach nicht kann.

Für sich selbst hat Thomas Müller entschieden, keine extremen Wellentäler entstehen zu lassen. Nüchtern bleiben im Triumph, gelassen in der Niederlage – „und alles nicht so sehr an mich heranlassen“. Sein Schutzmantel.

„Kritik gehört zum Fußball“, sagt Mario Götze – und wird nahezu philosophisch: „Mal ist man der Baum, mal ist man der Hund.“ Sei für ihn alles kein Problem. Bei ihm war es freilich immer so, dass andere den Umgang mit Kritik regelten. Volker Struth, bis vor ein paar Wochen sein Berater, meldete sich gerne mal per Mail bei kritischen Journalisten, und Vater Götze setzte sich, nachdem der Wechsel seines Sohnes 2013 von Dortmund zu den Bayern eingefädelt worden war, sogar mit den Mail-Attacken von aufgebrachten (und betrunkenen) Fans auseinander. Pech: Einer der Briefwechsel landete im Internet.

Bei Nationalspielern fällt Kritik immer heftiger aus, schließlich geht es ums Wohl des ganzen Landes. Es sehen auch viel mehr Menschen zu als beim Klubfußball, die TV-Quoten erreichen bei Turnieren bis zum Dreifachen eines Champions-League-Spiels. Dementsprechend mehr Leute fühlen sich berufen, einen Meinungsbeitrag zu leisten. Bundestrainer Joachim Löw, naturgemäß am heftigsten kritisiert, kriegt es ganz gut hin, den Eindruck zu erwecken, dass er über den Dingen stehe. Kritik sei ihm relativ egal, findet Löw, gerne macht er sich über Kritiker auch lustig. Ansonsten sei er „während des Turniers im Tunnel“. DFB-Manager Oliver Bierhoff findet: „Der Weltmeister-Titel hat Jogi noch mehr Sicherheit gegeben.“

Bierhoff selbst reagiert auf kritische Nachfragen eher empfindsam. Dass die Mannschaft in Evian, einigermaßen abgelegen vom Schuss, wohnt – ob dahinter alte Geschäftsbeziehungen Bierhoffs zum Danone-Konzern (Spot für die WM 1998: „Dany Sahne von Danone“) steckten; denn Danone mit seiner Marke „Evian“ beherrscht den Ort am Genfer See. Oliver Bierhoff ärgerte sich über die Frage: „So lange hält keine Geschäftsbeziehung.“ Der DFB-Manager hielt die Nachfrage für eine „Unterstellung“. Wer solche Gedanken hege, müsse „viel Zeit haben“. Gegenpressing nennt man diese Taktik – die auch Thomas Müller beherrscht.   

Bilder: Hier residiert das DFB-Team während der EM 2016

Rubriklistenbild: © AFP

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