Wahrnehmung von Portugal-Star hat sich

Verliebt in Cristiano Ronaldo

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Cristiano Ronaldo.

Saint-Denis - Vom Bad Boy zum Sympathieträger: Cristiano Ronaldos Image hat während der EM eine seltsame Wandlung genommen. Und auch seine Teamkollegen haben Herz.

Einmal noch an diesem Abend musste der neue Cristiano Ronaldo den Cristiano Ronaldo geben, wie ihn die Welt bisher kannte. „Schaue ich gut aus, was meint ihr?“, fragte er, als er vor die x-te Kamera gestellt wurde. Er richtete gespielt affektiert das Haar, wischte sich noch einmal übers Antlitz. „Ich habe heute ja so viel geweint“, sagte er.

Was für ein Finale war das, das die Europameisterschaft 2016 erlebte. Nicht fußballerisch, da war es Mittelklasse, Richtung Abnutzungskampf gehend. Aber es schrieb große Geschichten: Wie die Welt mit einem Mal einen lieben lernte, den sie sonst gerne bespöttelt. Wie das, was wie der unschlagbare Vorteil für die eine Mannschaft wirkt, zu dem wird, was sie den Sieg kostet. Und wie am Ende die gewinnen, deren Image es war, dass sie nie etwas gewinnen werden.

Ganz groß und über allem stehend: die CR7-Story. Cristiano Ronaldo wurde böse gefoult vom Franzosen Dimitri Payet (die Verletzung stellte sich bei einer ersten Untersuchung jedoch als harmlos heraus: Im linken Knie soll lediglich das Innenband gedehnt sein). So, dass er nicht mehr weiterspielen konnte. Er versuchte es noch zwei Mal, das war heldenhaft; ein Mann gegen den Schmerz, gegen das Nein des Körpers. Portugal empfand das frühe Ausscheiden (24. Minute, angeschlagen seit der 8.) seines Kapitäns, seiner Leitfigur zunächst als Schock. „Er ist der Mann, um den unser Team gebaut ist“, erklärt Trainer Fernando Santos. „Er kann zu jedem Moment ein Tor machen, er ist der beste Scorer der Welt“, sagt Pepe, der mit Ronaldo für Real Madrid spielt und für Portugal.

Ronaldo atmet auf: Nur Innenband im Knie gedehnt

Pepe, der Verteidiger, sagte in der Halbzeit in der Kabine: „Wir werden für Cristiano kämpfen und spielen.“ Das taten sie, und Ronaldo fand, nachdem sein Knie eingebunden war, eine neue Rolle. Der Motivator, der gute Kumpel, der große Bruder, der Assistenzcoach. In seine ehrliche Freude über den Teamerfolg, in seinen Willen verliebten sich die Menschen an den Bildschirmen. Sie teilten sein Glück, als er den Pokal für die EM entgegennahm und sich beim Gruppenbild vor die Mannschaft legte. Man erkannte: Es war kein Marken-, es war ein Herzensauftritt.

Das Spiel ohne ihn war für Portugal zu einer Mission geworden. Und rein taktisch veränderte die neue Situation alles. Fernando Santos bekannte, „dass ich, als ich wechseln musste, schon daran dachte, Eder zu bringen“. Er entschied sich dann aber gegen diesen naheliegenden Ersatz und bevorzugte es, die Mitte und die Defensive zu stärken. Er ließ die Franzosen sich abarbeiten. Bis er in der Schlussphase auf Eder setzte. Der dann in der zweiten Halbzeit der Verlängerung das Siegtor schoss. Santos sagt über Eder: „Jetzt ist er kein hässliches Entchen mehr, sondern ein schöner Schwan.“

Eder ist eben keines der portugiesischen Megatalente. Er stammt aus Guinea-Bissau, gehört Swansea City in Wales, war zuletzt auf Leihbasis beim OSC Lille, in Frankreich. Vielleicht auch wegen seiner solchen wenig schillernden Laufbahnen – anderes Beispiel; Cedric, als Gastarbeitersohn in Singen, Baden-Württemberg geboren und bislang nur bis Southampton gekommen, das nicht international spielt – hat man Portugal nicht als einen der Favoriten wahrgenommen. Es wurde auch nur Gruppendritter mit drei Unentschieden (Island, Österreich, Ungarn) und gewann von seinen sieben Turnierspielen lediglich eines im Verlauf von 90 Minuten: das Halbfinale 2:0 gegen Wales, Jedoch war Portugal auch die einzige Truppe, die niemand besiegen konnte.

Santos konnte noch einmal erzählen, wie er bei seiner Amtsübernahme vor zwei Jahren die Mannschaft auf die EM 2016 eingeschworen hatte. Auch Pepe hält fest: „Erstes Ziel, das er ausgegeben hat, war, dass wir uns für die EM qualifizieren. Zweites Ziel, sie zu gewinnen.“

In der Nacht von Frankreich erschien sogar Pepe als netter Kerl, dem man gönnt, dass er solch eine Geschichte erlebt. Sonst ist er ja eher der Fiesling des Fußballs. Ein permanenter Platzverweiskandidat, ein durchtriebener Schauspieler. Deutsche Fans werden sich noch an Pepes Kopfstoß gegen Thomas Müller im WM-Vorrundenspiel von 2014 erinnern, das 4:0 an die Deutschen ging. „Das Image des bösen Buben wird Pepe wohl sein Leben lang nie mehr los“, glaubt Fernando Santos. „Doch ich kann nicht verstehen, dass er es hat.“ Für ihn ist Pepe ein Spieler der „Blut, Schweiß und Tränen“-Kategorie, einer, der Opfer bringt. Und der wie kein zweiter für die Mentalität des portugiesischen Auswahlteams steht.

Pepe selbst wirkt richtig ergeben, wenn er darüber spricht, was man nun erreicht hat. Und für wen. Für „jeden einzelnen Portugiesen, für die vielen Immigranten hier“. Zu verdanken habe man dies alles „unserem Vorarbeiter“. So nennen sie Santos, ihren Trainer, 61, der zwischen griechischen und portugiesischen Klubs gependelt war zeit seiner Karriere. Vor vier Jahren brachte er Griechenland als dessen Nationalcoach ins Viertel- und dann bei der WM 2014 ins Achtelfinale. Über Santos steht bei Pepe nun nur noch Gott.

Der neue Europameister glaubt, dass er eine strahlende Zukunft haben wird. „Der Verband hat viel getan, in allen Altersstufen“, sagt Pepe. Die U 21 fegte vor einem Jahr bei der EM die Deutschen um Marc-Andre ter Stegen und Emre Can 5:0 vom Platz, es kommen wieder Spieler nach vom Schlage Renato Sanches, 18, den der FC Bayern vor dieser EM verpflichtet hatte. Sanches wurde als bester junger Spieler des Turniers ausgezeichnet (auch wenn er im Finale ausgewechselt wurde – gegen Eder).

Auch die Auswechslungen hatte Meistertrainer Santos richtig vorgenommen. Nach seiner Coaching-Sternstunde holte er einen Zettel aus der Tasche, und wie bei einer Oscar-Verleihung las er vor, wen er jetzt gerade alles küssen wolle. Die innigste Danksagung galt „meinen Eltern. Dafür, dass sie mich zu einem demütigen Menschen erzogen haben.“ Eine Grundhaltung, die er auf seine Mannschaft übertrug. Am Ende sogar auf Cristiano Ronaldo.

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