Alex Feuerherdt

Interview: So beurteilt ein Experte die Leistungen der Schiris bei der EM

Heute im Einsatz: Schiedsrichter Felix Brych. Foto: dpa

Kassel. Das erste EM-Viertelfinale zwischen Polen und Portugal heute (21 Uhr, ARD) leitet der deutsche Schiedsrichter Dr. Felix Brych. Auch er gehört zu den Unparteiischen, die bei diesem Turnier fast tadellos sind. Warum das so ist, erklärt der Schiedsrichterexperte Alex Feuerherdt, Mitarbeiter des Schiedsrichter-Podcasts „Collinas Erben“.

Herr Feuerherdt, wenn man die EM bisher betrachtet, fällt auf, dass eines fehlt: die Aufregung über die Schiedsrichter. Woran liegt das?

Alex Feuerherdt: Zunächst einmal ist es sehr schön, dass es so ist, weil es zeigt, wie gut die Leistungen der Unparteiischen sind. Das wiederum hat damit zu tun, dass die EM-Schiedsrichter schon alle sehr lange auf diesem hohen Niveau pfeifen und die Spieler sehr gut kennen. Das ist bei einer Weltmeisterschaft anders. Da gibt es auch Unparteiische aus anderen Kontinenten, die es nicht gewohnt sind, Spiele auf hohem Niveau zu leiten. Darüber hinaus gehen die EM-Schiedsrichter top vorbereitet in ihre Spiele.

Wie sieht diese Vorbereitung konkret aus?

Feuerherdt: Zum einen sind sie körperlich extrem fit, zum anderen betreiben sie im Vorfeld Videoanalysen, in denen die Spielweisen der beiden Teams und die Eigenheiten der Spieler begutachtet werden. Viele Spitzenschiedsrichter haben deshalb nicht nur einen Fitnesstrainer, sondern auch einen Videoanalysten. Nehmen wir zum Beispiel den Niederländer Björn Kuipers, der auch die Partie Deutschland gegen Polen geleitet hat. Er wusste, dass beide Mannschaften das Umschaltspiel nahezu perfekt beherrschen und dass dadurch die Gefahr der taktischen Fouls wächst. Als es die dann tatsächlich gab, war er nicht überrascht, sondern er reagierte sofort mit Gelben Karten darauf.

Das klingt sehr professionell, auch wenn es den Profischiedsrichter in vielen Ländern noch nicht gibt.

Feuerherdt: Das ist sehr professionell. Björn Kuipers zum Beispiel lässt sich mitunter von seinem Videoanalysten Szenen aus der ersten Halbzeit schicken, die er dann während der Pause analysiert.

Was geschieht sonst noch in der Pause in der Kabine der Schiedsrichter?

Feuerherdt: Der Schiedsrichter bespricht sich mit seinen Assistenten. Das Team schaut, worauf es im weiteren Verlauf besonders achten muss: ob etwa in der ersten Halbzeit zwei Spieler aneinandergeraten sind und sich da womöglich etwas angestaut hat. Oder ob der eine oder andere Spieler eine besondere Ansprache benötigt und beruhigt werden muss.

Werden auch klare Fehlentscheidungen angesprochen?

Feuerherdt: Häufig schon, sonst schleppt man sie mit sich herum. Ein professioneller Schiedsrichter kommt damit zurecht, und er weiß, dass er dann einen Fehler nicht machen darf: Konzessionsentscheidungen zu treffen. Er klärt die Angelegenheit in der Regel mit dem oder den betroffenen Spielern im persönlichen Gespräch kurz vor Wiederanpfiff – etwa, indem er sich entschuldigt für die Fehlentscheidung.

Täuscht es, oder ist der Umgang zwischen Schiris und Spielern ein anderer als früher?

Feuerherdt: Der Eindruck täuscht nicht. Der Schiedsrichter ist längst nicht mehr der gestrenge Lehrmeister, der er früher einmal war. Das zeigt sich in seiner ganzen Gestik. Im Idealfall ist der Schiedsrichter heute eine Autoritätsperson, ohne autoritär zu sein – ein gleichwertiger Partner auf dem Platz. Felix Brych zum Beispiel, der das Viertelfinale Polen gegen Portugal leitet, duzt in der Bundesliga die Spieler. Das ist aber weder kumpelhaft noch herablassend gemeint, sondern Ausdruck des Miteinanders. Der respektvolle Umgang lässt sich an einer Szene gut festmachen: Björn Kuipers hat Jerome Boateng im Spiel gegen Polen nicht einfach die Gelbe Karte gezeigt, sondern er hat ihm zuvor aufgeholfen, als er auf dem Boden lag.

Ist die Bilanz von bisher lediglich einer glatten Roten Karte bei der EM auch die Folge dieses Umgangs.

Feuerherdt: Auch. Vor allem ist sie ein Beleg für die Vorgehensweise der Schiedsrichter, die mittlerweile vorwiegend präventiv tätig werden und schauen, dass erst gar keine Konflikte oder bösen Fouls entstehen. Viel regeln die Spitzenschiedsrichter über ihre perfekte Körpersprache. Außerdem geht der Trend dahin, im Zweifel nicht zu pfeifen – nach dem Motto: Über einen nicht gegebenen, aber berechtigten Elfmeter regen sich am Ende weniger auf als über einen gegebenen, aber nicht berechtigten Elfmeter.

Bleibt noch eine Frage: Wozu gibt es eigentlich immer noch die Torrichter, wo es doch jetzt das Hawkeye gibt?

Feuerherdt: Der Begriff Torrichter ist eigentlich schon irreführend. Der Torrichter ist ein weiterer Assistent des Schiedsrichters, der Szenen im Strafraum, also in der neuralgischen Zone, mit begutachtet. Diese Hilfe ist bei dem immer schneller werdenden Spiel auch erforderlich. Von daher teile ich die Einschätzung des Schiedsrichterchefs Pierluigi Collina, dass die Torrichter als Strafraumrichter weiter benötigt werden. Das Problem ist, dass viele nicht mitbekommen, welchen Einfluss sie auf das Spiel haben. Beim 1:1 der Engländer gegen Wales war es aber der Torraumrichter, der die Szene im Endeffekt richtig beurteilt hat.

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