Er wirkte gegen die Slowakei wie losgelöst

Draxler spielt im Nationalteam so gut wie noch nie

Was kümmern ihn die Gegenspieler: Julian Draxler fliegt an zwei Slowaken vorbei. Der Wolfsburger war der überragende Spieler beim deutschen Achtelfinalsieg. Foto: dpa

Er hatte ja Veränderungen angekündigt. Als Bundestrainer Joachim Löw am Tag vor dem Achtelfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen die Slowakei überraschend offen davon sprach, über neue Namen in der Startelf nachzudenken, da wären aber die wenigsten auf diese Personalie gekommen:

Julian Draxler für Mario Götze. Schließlich war dieser Draxler, 22, bereits ein wenig mit dem Stempel des uneingelösten Versprechens versehen, nach zwei Startelfeinsätzen zu Beginn des Turniers hatte er seinen Platz in der Partie gegen Nordirland verloren.

„Er hat zwei brillante Zauberfüße“

Nun also war er wieder von Beginn an dabei – und wurde 90 furiose Minuten später zum Mann des Spiels gewählt. Löw, dieser Trainer mit dem meist perfekten Händchen für seine Personalauswahl und dem großen Vertrauen in Spieler, für die er sich einmal entschieden hat, hatte alles richtig gemacht. Draxler mit seinen permanenten Flügelwechseln, mit seinem Tempo und seinen großen technischen Fähigkeiten im Duell Eins-gegen-Eins machte den entscheidenden Unterschied aus. Gegen einen erwartet tief stehenden Gegner riss er mit seinen Dribblings immer wieder Lücken in die Defensive.

Großartig seine Vorarbeit vor dem 2:0 durch Mario Gomez, der seinem Nebenmann später „zwei brillante Zauberfüße“ attestierte. Mit einem Übersteiger hebelte Draxler die Hintermannschaft aus und bediente den Mittelstürmer mustergültig mit einem Pass von der Grundlinie – genau so, wie Löw es gefordert hatte. Mit dem Volleyschuss zum 3:0 krönte er seinen Auftritt.

Im 22. Länderspiel hatte Draxler damit endlich überzeugt. Vor der EM 2012 war er von Löw kurzfristig noch aus dem Kader gestrichen worden. Bei der WM in Brasilien war er dabei – wesentlich mehr aber auch nicht. Ähnlich war es auch im Verein gelaufen. Nach seinem furiosen Debüt als 17-Jähriger bei seinem Stammverein Schalke 04 hatten die Fans der Königsblauen Draxler schnell zum Publikumsliebling erkoren. Einen der ihren, für den der Verein bei der Vertragsverlängerung extra einen Lkw mit riesigem Draxler-Porträt durch das Ruhrgebiet schickte. Doch der verletzungsanfällige Flügelstürmer stagnierte auf dem Feld, haderte damit, so selten auf seiner Lieblingsposition im Zentrum spielen zu dürfen. Auch der Druck der riesigen Erwartungshaltung schien auf ihm zu lasten.

Der Wechsel nach Wolfsburg kam im Spätsommer vergangenen Jahres trotzdem überraschend. Vieles wurde auch damit nicht besser. Immerhin, Draxler spielte eine ordentliche Rückrunde, die ihm schließlich das EM-Ticket einbrachte. Irgendwie aber wirkt der so schüchtern daherkommende Junge aus dem Pott trotzdem noch wie ein Fremder in der VW-Stadt. Manchmal schien es, als laufe Draxler mit Blei an den Füßen herum.

Am Sonntag aber wirkte er wie befreit. Losgelöst von allen Fesseln schwebte er über dem Rasen von Lille. Er kann es doch, dieses riesige Talent abrufen. Das Versprechen Draxler ist endlich eingelöst.

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