Die Kleinen kamen groß raus

Unsere 7 Thesen zur Fußball-EM – und was aus ihnen geworden ist

Kleiner Mann ganz groß: Mit Island fieberten alle ein bisschen mit. Foto: dpa

Kassel. Wie vor jedem großen Turnier haben wir auch zur Europameisterschaft in Frankreich 7 Thesen aufgestellt – die es nun, nach 29 Tagen, zu überprüfen gilt. Und sagen wir es mal so: Wir haben schon mal besser gelegen.

These 1: Es wird nicht mehr alles Party sein. Überwiegend richtig. Die Europameisterschaft war weder ein französisches Sommermärchen mit guter Laune im ganzen Land. Noch war sie hierzulande das Thema, das alles andere in den Schatten gestellt hat. Das hatte mit dem doch bescheidenen Wetter zu tun, aber womöglich auch damit, dass manche in Zeiten der Veränderung diesem absoluten Fußballhype überdrüssig sind. Immerhin: In Frankreich selbst sorgten das Turnier und die Leistungen des Gastgeberteams spät, aber nicht zu spät für Euphorie in einem zuletzt gebeutelten Land.

These 2: Die Kleinen bereichern das Turnier – und kommen trotzdem nicht groß raus. Ähm, na gut. Es ist dann sportlich etwas anders gekommen. Ein glattes „falsch“ also für diesen Teil der These. Wales und Island sind richtig groß rausgekommen in Frankreich. Auch Ungarn, Irland und Nordirland wussten durchaus zu überzeugen. Ein „richtig“ gibt es aber für den Teil Bereicherung. Was die Fans dieser Teams bei der EM geboten haben, das war ganz großes Kino. Darauf noch einmal ein isländisches „Huh“!

These 3: Die klassische erste Elf hat ausgedient. Jein. Mit Tendenz zu: überwiegend falsch. Gerade die vermeintlichen Außenseiter setzten auf eine Stammelf und kamen mitunter recht weit – wie Wales und Island. Auch bei den Favoriten kam es nicht zu solch einer großen Rotation wie angenommen. Die (freiwillige) Umstellung des deutschen Bundestrainers Joachim Löw vor dem Italienspiel gilt da schon als Ausnahme.

These 4: Die Stars werden immer künstlicher. Oh nein. Klar, die Stars haben einen großen Apparat hinter sich, der ihnen sagt, wie sie am besten rüberkommen, aber sie kommen dann doch sehr menschlich rüber: Cristiano Ronaldo lässt Selfies mit sich zu, Gareth Bale spielt mit seinem Kind nach Abpfiff auf dem Rasen.

These 5: Die Superstars werden nicht zünden. Naja. Portugals Cristiano Ronaldo gehörte nach Stotterstart dann doch zu den prägenden Figuren dieser Europameisterschaft. Gareth Bale führte Wales ins Halbfinale. Dafür verabschiedete sich Zlatan Ibrahimovic mit Schweden sang- und klanglos. Und die Belgier Eden Hazard und Kevin de Bruyne setzten zwar Ausrufezeichen, fuhren dann aber doch enttäuscht nach Hause. Dafür produzierte das Turnier mit dem Franzosen Antoine Griezmann einen neuen Superstar. Was bleibt, ist aber der Trend, dass die mannschaftliche Geschlossenheit mehr zählt als ein Wundermann.

These 6: Es wird das letzte große Turnier der herkömmlichen Art. Das muss weiterhin befürchtet werden. Wer Russland bei dieser Europameisterschaft beobachtet hat, dem muss vor der nächsten Weltmeisterschaft 2018 schon ein bisschen mulmig werden. Sportlich schlecht, und russische Fans fielen vor allem durch Gewalt auf. 2020 steht dann die EM auf dem ganzen Kontinent an – mit 13 Austragungsorten in 13 Ländern. Vom ursprünglichen Charakter eines großen Fußballfestes innerhalb eines überschaubaren Raumes wird da viel verloren gehen. Auch wenn in Frankreich keine grenzenlose Partystimmung aufkam. Seinen Reiz bezog das Turnier auch durch den Umstand, viel erfahren zu haben über Land und Leute und die aktuelle Befindlichkeit der Franzosen. Naja, und dann kommt die WM 2022 in Katar. Viel Fußball auf wenig Raum – aber eben im Spätherbst.

These 7: Nicht der Europameister wird der Europameister, sondern der Weltmeister. Naja, man wird ja wohl noch Optimist sein dürfen. Hätten wir an dieser Stelle etwa Frankreich voraussagen sollen? Oder Portugal? Oder Wales? Eben! Aber gut: Es wurde dann nicht der Weltmeister. Auch, weil die von uns als Argument angeführte Tiefe im Kader im Halbfinale nicht tief genug war. Wir geben uns trotzdem ein kleines „richtig“ im „falsch“, denn: Europameister Spanien musste in der Tat ganz früh die Titelverteidigung abschreiben.

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