DFB-Team zieht nach Salvador

Jetzt wird's ernst: "Montag ist keine Simulation mehr"

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Jogi Löw verlässt mit der deutschen Nationalmannschaft am Samstagabend vorübergehend Santo André und reist nach Salvador.

Santo André - Nach sechs Tagen im WM-Basiscamp in Santo André ist für Bundestrainer Joachim Löw und die deutschen Fußball-Nationalspieler Bettenwechsel angesagt.

Die Simulationen sind beendet, der Countdown läuft. Nach sieben Tagen Trainingsarbeit im WM-Basiscamp in Santo André sieht Joachim Löw sein Team bereit für den ersten WM-Härtetest am Montag gegen Weltfußballer Cristiano Ronaldo und die anderen starken Portugiesen. Mit einem „guten Gefühl“ hat der mit Argusaugen beobachtete Bundestrainer die beiden Vorbereitungsetappen in Südtirol und im WM-Land Brasilien abgeschlossen.

Für Samstagabend war der Flug in den Spielort Salvador gebucht. „Es wächst immer mehr zusammen“, betonte der 54-jährige Löw vor seinem vierten Turnier als Chef der deutschen Nationalmannschaft optimistisch. Ob sein durchaus riskanter Plan, mit vielen wichtigen Akteuren ohne durchgängigen Spielrhythmus und mit langen Verletzungspausen in den Titelkampf 2014 zu starten, gleich gegen den Weltranglisten-Vierten Portugal aufgeht, muss sich zeigen.

„Montag ist keine Simulation mehr“, formulierte der Bundestrainer deutlich. Löw hat seit dem Trainingsstart vor dreieinhalb Wochen im italienischen Passeiertal taktisch und personell viel geprobt und wird mit einigen überraschenden Entscheidungen in die 20. Weltmeisterschaft gehen.

Kapitän Philipp Lahm rückt in seinem sechsten Turnier erstmals ins defensive Mittelfeld vor. Jérome Boateng soll wie schon bei der EURO 2012, als die Protugiesen zum Auftakt mit 1:0 bezwungen wurden, rechts gegen Ronaldo verteidigen. Der Schalker Benedikt Höwedes wurde im Kurzdurchlauf zum Linksverteidiger ausgebildet. Vizekapitän Bastian Schweisteiger ist wohl zunächst das prominenteste Mitglied des von Löw gegründeten Sonderkommandos der Bankspieler. Und Lukas Podolski könnte nach der schweren Verletzung von Marco Reus plötzlich wieder erste Wahl sein.

„Wir gehen mit breiter Brust ins Spiel“, sagte Turier-Neuling Erik Durm, der wie andere Nachrücker die Aufgabe hat, Spannung und Konkurrenz im Team hochzuhalten. „Der Konkurrenzkampf ist gut“, bemerkte der 22 Jahre alte BVB-Verteidiger. Dennoch bleiben einige Fragezeichen: Kann Sami Khedira nur sieben Monate nach seinem Kreuzbandriss wieder ein Leader sein? Wie kann die Abwehr mit gleich vier Innenverteidigern auch die nötigen Impulse nach vorne setzen? Wie setzt die Mannschaft Löws Konzept mit einem sogenannten falschen Stürmer um?

„Wir haben drei unangenehme, hartnäckige Gegner. Portugal ist aufgrund seiner Klasse ein harter Brocken“, betonte Löw. „Moutinho, Nani und Ronaldo, hinten die sehr erfahrenen Alves, Pepe und Coentrão spielen alle auf allerhöchstem Niveau. Diese Mannschaft ist schon extrem gefährlich“, ergänzte er zum Auftaktgegner, der den Deutschen aber liegt. Bei der Heim-WM 2006 ein 3:1, bei der EM 2008 ein 3:2 - und am 9. Juni 2012 im ukrainischen Lwiw entschied ein Kopfball von Mario Gomez nach Ecke von Khedira in der 72. Minute den EM-Auftakt für Deutschland.

Im 100. WM-Spiel der DFB-Auswahl könnten neben Kontern und Kombinationen auch Standardsituationen eine entscheidende Rolle spielen. „Es gibt viele Spiele, die durch Standards entschieden werden“, sagte Löw. Freistoß-Spezialist Ronaldo ist nach diversen gesundheitlichen Problemen wohl wieder fit.

„Man kann ihn nicht gänzlich ausschalten“, bemerkte der Bundestrainer: „Er erzielt in einer Saison 50 Tore. Und auch bei Portugal macht er viele entscheidende Dinge.“ Nur im Verbund kann der 29 Jahre alte Star von Real Madrid in der 48 747 Zuschauer fassenden Arena Fonte Nova von Salvador gestoppt werden.

Die neue, mehr auf defensive Stabilität und Kompaktheit ausgerichtete Spielweise von Löw schließt „Spezialkräfte“ ein, die ausgeruht und hochmotiviert ins Spiel kommen sollen, wenn der Gegner schon ein wenig müde ist. „Das kann man unterschreiben. Dem Gegner mal ein bisschen die Chance geben, sich zu verausgaben, das ist, glaube ich, nicht das Verkehrteste bei den Bedingungen hier“, sagte Abwehrmann Mats Hummels der „Süddeutschen Zeitung“. Sollte der Gegner trotzdem mit elf Mann hinten drin stehen, „wird es darauf hinauslaufen, dass wir die Initiative ergreifen“, ergänzte der Dortmunder.

Die Möglichkeiten, das Team für die zweite Offensivwelle zu besetzen, sind groß für Löw. Die Routiniers Miroslav Klose (36) und Lukas Podolski (29) brennen ebenso auf einen Einsatz wie WM-Neuling Mario Götze (22). Thomas Müller (24), Mesut Özil (25) und André Schürrle (23) könnten anfangs die vorderste Linie besetzen und dabei auch wechselnd die Sturmmitte besetzen. „Wir haben ausgebildete Spieler, die von ihrem Naturell her viel Zug zum Tor haben“, beschrieb Löw diese Offensivtypen, die nicht nur im Zentrum bleiben.

Dieser Typ sei auch Klose nicht, der in Brasilien den WM-Torerekord von Ronaldo (15 Treffer) brechen will. Schon gegen Portugal könnte es klappen, auch wenn der Stürmer-Oldie Klose (14 Tore) seine vierte Weltmeisterschaft sehr wahrscheinlich von der Bank angehen muss. „Wir fiebern dem Start entgegen“, übermittelte Toni Kroos, feste Größe im Mittelfeld, in die Heimat. Millionen Fans sind gespannt auf Löws WM-Team 2014.

Die voraussichtliche Aufstellung: 

Neuer - Boateng, Mertesacker, Hummels, Höwedes - Khedira, Lahm, Kroos - Müller, Özil, Schürrle

dpa

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