Chancenlose Kleine und Stars als Kunstfiguren

7 Thesen zum Start der EM: Am Ende jubelt der Weltmeister

Die Fans der deutschen Nationalmannschaft werden am Ende den EM-Titel bejubeln. Eine sorglose Fußballparty wird das Turnier in Frankreich aber nicht. Foto: dpa

Kassel. Es geht los. Mit dem Spiel des Gastgebers Frankreich gegen Rumänien (Anpfiff: 21 Uhr, ZDF) beginnt heute die Fußball-Europameisterschaft. Einen Monat lang kämpfen dann 24 Teams um den Titel. Wie stets vor einem Großereignis stellen wir auch diesmal sieben Thesen auf.

These 1: Es wird nicht mehr alles Party sein. Eines ist klar: Noch nie war die Bedrohung so greifbar wie nun in Frankreich. Die Anschläge von Paris und Brüssel, die Länderspiel-Absage von Hannover – die Terrorgefahr schwebt über allen Orten und Veranstaltungen, bei denen viele Menschen zusammenkommen. Die Sorge wird also immer dabei sein. In den Stadion. Auf den Fanmeilen. Ein Fußballturnier als einzige große Party – diese Zeiten sind endgültig vorbei.

These 2: Die Kleinen bereichern das Turnier – und kommen trotzdem nicht groß raus. Island und Albanien bei einer EM – das schien lange unmöglich. Die Aufstockung von 16 auf 24 Teilnehmer bringt mit sich, dass es mittlerweile auch bei der EM Kleine gibt und das Duell David gegen Goliath befeuert wird. Das ist einerseits schön, weil der Fußball auch aus solchen Geschichten besteht wie jener über Will Grigg, der einem englischen Drittligisten angehört und nun mit Nordirland auf der großen Bühne zu sehen ist.

Andererseits werden die Kleinen trotz ihrer zu erwartenden Defensivtaktik keine Chance haben gegen die großen Teams, die ein Unternehmen Europameisterschaft generalstabsmäßig und mit viel Geld im Rücken angehen.

These 3: Die klassische erste Elf hat ausgedient. Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw hat seinen Plan auf dem Weg zur angestrebten Europameisterschaft dargelegt. Er erklärte, dass er im Prinzip zwei Teams brauche: eines, das gegen die defensiv eingestellten Gegner in der Vorrunde bestehen soll. Und eines, das sich dann gegen die ebenfalls spielstarken Mannschaften behaupten muss.

Dieser Gedanke enthält die neue Denkweise der Trainer: Wichtig ist es nicht, eine erste Elf zu finden, sondern jederzeit auf jede Begebenheit reagieren zu können. Da mittlerweile auch der sieben Partien bestreiten muss, der Europameister werden will, kommt es mehr denn je auf einen breiten Kader an, der Variabilität garantiert.

These 4: Die Stars werden immer künstlicher. Mario Götze ist ein gutes Beispiel der neuen Spieler-Generation. Götze hat sein eigenes Logo und wird vermarktet. Er und seine Berater bestimmen also, was Götze von sich preis gibt, wie er wirken soll – auf Facebook, bei Twitter und überhaupt. Der Journalist als Filter verliert immer mehr an Bedeutung, die Spieler sind weniger Mensch als vielmehr Marken. Bis zum Kunstprodukt ist es nicht mehr weit.

These 5: Die Superstars werden nicht zünden. Es gibt viele Stars bei der EM, aber zwei Spieler stehen noch immer eine Stufe höher: Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic. In Frankreich werden beide keine große Rolle spielen. Ihre Teams Portugal und Schweden sind nicht stark genug. Beide sind mehr oder weniger Alleinunterhalter – was die Aufgabe des Gegners erleichtert. Ronaldo scheiterte bei der WM in Brasilien bereits am Druck, der auf ihm lastete. Zudem geht der Portugiese nicht wirklich fit in das Turnier.

These 6: Es wird das letzte große Turnier der herkömmlichen Art für lange Zeit sein. Nach Frankreich kommen die politisch höchst umstrittene Weltmeisterschaft 2018 in Russland, die EM 2020 mit Austragungsorten in ganz Europa und dann die Weltmeisterschaft 2022 im Winter und im winzigen Katar. Da heißt es für den Fußball-Fan, sich umzugewöhnen. Das klassische Großturnier war einmal.

These 7: Nicht der Europameister wird Europameister, sondern der Weltmeister. Na klar, der Kreis der Titelanwärter bei der EM ist groß. Frankreich, Spanien, Italien, England, Geheimfavorit Belgien – am Ende aber jubelt der Weltmeister. Deutschland wird Titelverteidiger Spanien ablösen. Trotz aller Verletzungssorgen hat Löws Kader die größte Tiefe – und das Selbstvertrauen, erneut als Turnier-Mannschaft aufzutreten.

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