ARD-Experte kritisiert Taktikabteilung

Zur Scholl-Kritik: Warum vor Italien kuschen?

Mehmet Scholl

Irgendwann, als das Spiel beendet war, ist es mit Mehmet Scholl dann doch durchgegangen. Der frühere Profi und jetzige TV-Experte der ARD kritisierte scharf die Taktik der deutschen Mannschaft, machte dafür aber weniger Bundestrainer Joachim Löw, sondern die Taktikabteilung um Urs Siegenthaler verantwortlich.

Scholl schimpfte über die Umstellung auf eine Dreierkette zu Lasten der Offensive. Mitten in die Euphorie hinein erntete er dafür viel Häme. Doch was spricht für, was gegen die deutsche Taktik? 

FÜR DIE UMSTELLUNG SPRICHT

... dass Offensive Spiele gewinnt, Defensive aber Titel. Ist in Sportarten wie Eishockey und Handball ein ungeschriebenes Gesetz. Warum soll das nicht im Fußball gelten?

... dass Italien kaum Chancen hatte. Dass ausgerechnet Jerome Boateng einen so gravierenden Aussetzer haben würde, konnte der Bundestrainer nun wirklich nicht ahnen. Ohne Boatengs Handspiel wäre die deutsche Mannschaft nach 90 Minuten als Sieger vom Platz gegangen.

.... dass die Italiener mehr tun mussten als ihnen lieb war. Die deutsche Mannschaft kommen lassen und kontern: So hatten sich die Italiener das wohl vorgestellt. Gegen die abwartend agierende Löw-Elf musste sich Italiens Offensive aber dann mehr einfallen lassen - was ihr nicht gelang.

GEGEN DIE UMSTELLUNG SPRICHT

... dass wir uns unserer Stärke berauben. Warum vor den Italienern kuschen? Löws Mannschaft hat dem Turnier spielerisch den Stempel aufgedrückt mit ihrer offensiven Dominanz.

... dass Löw für diesen Fehler bereits bestraft wurde. Das war bei der EM vor vier Jahren, als der Bundestrainer die Mannschaft nach dem 4:2 gegen Griechenland ohne Not veränderte. Wie ging es aus gegen Italien? Eben. 1:2!

... dass wir uns trotzdem auf Glück und Neuer verlassen mussten. Nein, wir zahlen nichts ins Phrasenschwein für: Im Elfmeterschießen war halt alles möglich.

... dass Draxler ein schlechtes Bauernopfer war. Nach seiner grandiosen Leistung gegen die Slowakei war Draxler im Aufwind. Der wurde ihm gleich wieder genommen.

.... dass die Taktik vor allem in der ersten Hälfte nicht aufging. Sicher, es brannte fast nichts an in der Defensive. Aber es ging eben auch wenig nach vorn. Das Pressing blieb halbherzig, über die Flügel kam zu wenig. Die Italiener mussten viel laufen. Aber müde waren sie auch in der Verlängerung nicht.

UNSER FAZIT

In Scholls Kritik steckt einiges an Wahrheit. Die Umstellung zeugte von zu großem Respekt. Löw schwächte seine Offensive und hatte im endlich in Topform spielenden Draxler das falsche Bauernopfer. Scholls Schärfe im Augenblick des Triumphes war aber überzogen.

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