Interview: Dawid Bartelt, Direktor der Böll-Stiftung in Brasilien, über Olympia

Zuschauermagnet während der Spiele: Der Boulevard Olimpico im alten Hafen von Rio de Janeiro. Foto: afp

Die Olympischen Spiele sind beendet, in zwei Wochen ist Rio de Janeiro nun Gastgeber für die Paralympics. Zeit , Bilanz zu ziehen. War Olympia ein Erfolg? Was hinterlassen die Spiele für die Stadt und die Einwohner?

Herr Bartelt, war Olympia ein Erfolg oder Misserfolg für Rio de Janeiro?

Bartelt: Das kommt ganz auf den Blickwinkel an. Ich bin sehr erleichtert und zufrieden, dass alles organisatorisch ziemlich reibungslos über die Bühne gegangen ist. Aber natürlich gibt es auch den Aufwand, von dem die Besucher nichts mitbekommen haben.

Was zählt dazu?

Bartelt: Die vier zusätzlichen Feiertage beispielsweise, die die Stadt angesetzt hat, um den Verkehr zu entlasten. Das hat die Kaufleute und den Handel mitten in der aktuellen Wirtschaftskrise natürlich gar nicht gefreut. Dieser Punkt taucht in keiner Kostenrechnung auf. Dann gibt es die massive Militarisierung der Favelas, etwa der Maré und dem Complexo do Alemao. Zu welchen Kosten das geschieht, das bekommen die Besucher auch nicht mit. Die Bilanz ist deshalb gemischt.

Dann fangen wir doch mal mit den positiven Dingen an.

Bartelt: Olympia als Spektakel und als Fest der Völkerbewegung und der Verbindung aller Sportarten, das hat gut funktioniert. Für mich auffällig: der Boulevard Olimpico am alten Hafen.

Inwiefern?

Bartelt: Er ist frisch renoviert. Die alte Stadtautobahn wurde abgerissen, das alte Zentrum erfolgreich revitalisiert. Es gibt einen Platz nur für Fußgänger, eine Straßenbahn quert ihn. Das finde ich zukunftsweisend. Denn es gibt einen Hunger nach Möglichkeiten, öffentlichen Raum sicher nutzen zu können. Das ist etwas, das den Leuten fehlt. Auch wenn es natürlich nur mit hohem Sicherheitsaufwand möglich war.

Rios Bürgermeister Eduardo Paes hat sich gerühmt, anlässlich der Spiele viel für die Infrastruktur getan zu haben. Wie bewerten Sie das?

Bartelt: Positiv ist sicherlich die Verbesserung des Transportwesens, auch wenn die sich viel zu wenig am eigentlichen Bedarf der Bevölkerung orientiert hat: Die Straßenbahn im Zentrum, die neuen Schnellbustrassen. Ein richtiges Signal ist sicherlich der Bau von 16 Kilometern neuer U-Bahn zu den insgesamt 40 vorhandenen. Allerdings ging es da vor allem darum, den Flughafen mit den Sportstätten zu verbinden. Wenn die nächsten 16 Kilometer da gebaut werden, wo sie tatsächlich gebraucht werden, wäre das gut. Denn beim Verkehr gibt es weiterhin sehr hohen Bedarf. Auch sind Lektionen aus den Spielen von London gelernt worden: Die Sportstätten werden teils abgebaut und neu verwendet, teils als Sportzentren weitergenutzt.

Dann sprechen wir mal über die negativen Punkte.

Bartelt: Der Gegenpol zum Hafenzentrum ist der Stadtteil Barra da Tijuca mit dem Olympiapark und dem Olympischen Dorf. Dorthin ist das meiste Geld geflossen. Die Stadtplaner haben klar kommuniziert, dass dies ein Stadtteil ist, in dem sie keine Favelas wollen, einer, in dem Fußgänger nicht vorgesehen sind, einer, in dem man mit dem Auto zum Brötchenholen fährt. Das ist nicht zukunftsweisend. Auch da kommen hohe Sozialkosten hinzu, die in die falsche Richtung gehen: die vielen Zwangsumsiedlungen von Menschen. Man darf gespannt sein, ob die Versprechen, die von den Verantwortlichen gemacht wurden, auch eingehalten werden. Ich sage den Journalisten immer: Kommen Sie in einem Jahr wieder und prüfen Sie das. Gar nicht geklappt hat zum Beispiel die Entseuchung der Guanabara-Bucht.

Wie teuer kommt Olympia Rio zu stehen?

Bartelt: Jetzt sind die Sportler weg, jetzt werden die Rechnungen aufgemacht. Der Bundesstaat Rio ist pleite. Er kann kaum noch die Gehälter für Lehrer, Polizisten, Ärzte und Krankenschwestern bezahlen. Die Polizei ist ausgeblutet. Es gibt die Befürchtung, dass die Friedenspolizei, mit der die Drogengangs aus Favelas verdrängt worden sind, reduziert oder ganz aufgelöst wird. Es ist gut, wenn Großereignisse wie Olympia in einem Land wie Brasilien stattfinden. Aber nicht zu diesen Bedingungen, zu diesen hohen Kosten und mit diesen schlimmen sozialen Folgen. Allerdings dürfen wir auch nicht vergessen: Als die Sommerspiele nach Rio vergeben wurden, ging es der Wirtschaft viel besser als derzeit. Und hinzu kommt jetzt auch noch diese riesige hausgemachte politische Krise.

Was sind die größten Herausforderungen, vor denen Rio jetzt steht?

Bartelt: Da ist die Sicherheitsfrage. Das Konzept der UPP ist im Prinzip schon gescheitert. Jetzt fehlt das Geld. In vielen Favelas haben Gewalt und Schießereien wieder zugenommen. Es werden wieder Menschen von Querschlägern getötet. Blicken wir aufs Hafenzentrum: Einem Teil der ursprünglichen Anwohner ist zugesichert worden, dort wieder angesiedelt zu werden zu für sie bezahlbaren Bedingungen. Der Boulevard Olimpico ist ein wenig wie ein Potemkinsches Dorf. Es gibt den Platz und die Straßenbahn, aber mehr derzeit noch nicht. Die Umgestaltung müsste jetzt zu Ende gebracht werden. Ich glaube aber, das wird schwierig. Denn es hat nicht Priorität. Das Geld war schon knapp, als die Krise kam.

Es gibt Pläne, die Haushalte an die brachliegende Kanalisation der Guanabara-Bucht anzuschließen. Das soll in der Form des Public-Private-Partnership, also über private Investoren, geschehen. Die machen es aber nur, wenn für sie ein Profit dabei herausspringt. Weltweit aber ist die Privatisierung des Geschäfts von Wasser und Abwasser in die Hose gegangen. Der Trend geht wieder in die andere Richtung. Dafür zahlen die Leute ja auch eigentlich Steuern. Wenn es nun in privatwirtschaftliche Hände kommt, werden die Tarife erhöht.

Dann muss etwas in Sachen Bildung und Gesundheitswesen getan werden. Die Ausstattung der Schulen ist schlecht. Und wir wissen ja: Die Basis, die in den Grundschulen nicht gelegt wird, fehlt später. Es gibt neue Intensivstationen, die nicht betrieben werden können, weil kein Geld da ist, um Ärzte zu bezahlen.

Das klingt, als ob Rio vor dem Kollaps steht.

Bartelt: Die Bundesregierung kann es sich nicht leisten, Rio kollabieren zu lassen. Es wird über die Stundung von Schulden verhandelt, über weitere Darlehen. Sie werden sich da irgendwie durchwurschteln. Im Oktober finden Kommunalwahlen statt. Ein Thema wird da sicherlich auch die Polizeireform sein. Die müsste angepackt werden. Doch das traut sich kaum jemand, weil es so ein heißes Eisen ist.

Vorher aber stehen erst noch die Paralympics an. Droht die Absage?

Bartelt: Nein. Trotz Finanzloch: Die Paralympics wird Rio nicht platzen lassen.

Zur Person:

Dawid Danilo Bartelt (52) leitet seit 2010 das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien und lebt seitdem in Rio de Janeiro. Der promovierte Historiker war zuvor acht Jahre Pressesprecher von Amnesty International in Deutschland. Der gebürtige Westfale studierte in Bochum, Hamburg, Recife (Brasilien) und Berlin. Der verheiratete Vater zweier Kinder spricht fünf Fremdsprachen, liest in seiner Freizeit und spielt Klavier.

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