„Es überwiegt absolut die Freude“

Interview: Husky Sven Valenti beendet Karriere

Kassel. Der Bart ist ab - in fast jeder Hinsicht. Denn Sven Valenti beendet seine Karriere als Eishockeyspieler. Als Meister der DEL 2 mit den Kassel Huskies, deren Trikot er seit 2001 in 602 Spielen getragen hat. Zeit, im Interview Bilanz zu ziehen.

Herr Valenti, wer freut sich am meisten, dass der Bart nun ab ist? 

Sven Valenti: Ich glaube, das ist meine Tochter Lena. Sie hat sich immer beschwert, dass er kratzt und juckt.

Und wie empfinden Sie selbst nun das Ende? 

Valenti: Da ist keine Wehmut, es überwiegt absolut die Freude. Mit der Meisterschaft hatte ich ja einen perfekten Abschluss, besser geht’s nicht.

Also ist die Entscheidung zum Aufhören nicht schwergefallen? 

Valenti: Nein, überhaupt nicht. Im letzten Jahr hätte ich ein Problem gehabt. Weil nach dem Viertelfinal-Aus gegen Landshut war klar, dass ich so nicht aufhören konnte. Aber jetzt ist die Entscheidung gereift und nicht am Freitag erst gefallen. Im November hatte ich Probleme mit der Bauchmuskulatur, weil ich trotz aller Erfahrung nicht rechtzeitig auf meinen Körper gehört habe. Da musste ich pausieren und es war klar, dass es Zeit wird, die Kurve zu kriegen. Ich brauche immer längere Regeneration.

Ist komplett Schluss jetzt? 

Valenti: Ja. Bei den Wizards werde ich weiter Skaterhockey spielen und auch weiter Sport treiben. Mit meinem Freund Harry Nolte will ich mal ein Jedermann-Radrennen bestreiten. Aber Eishockey ist vorbei. Es gab Anfragen aus der Oberliga, aber ich will nicht mehr aus Kassel fort. Mit meinem Sohn Yannik hätte ich gern mal in einem Team gespielt, aber er ist noch zu jung. Oder ich zu alt ...

Macht Ihnen seine Entwicklung den Abschied leichter? 

Valenti: Natürlich ist es toll, dass er in die Fußstapfen seines Großvaters, seines Vaters und seiner Tante tritt als Eishockeyspieler. Aber ich habe nicht einmal sein DNL-Finale gegen Berlin sehen können, als er mit Mannheim Meister wurde. Meine Tochter Lena macht mit Erfolg und Begeisterung Gardetanz, ein einziges Mal nur habe ich bisher zusehen können. Ich freue mich auf mehr Zeit für die Familie und darauf, dass sich nicht mehr alles im Leben um Eishockey drehen wird.

Aber werden Sie dem Eishockey Adieu sagen?

Valenti: Nein, natürlich nicht. Ich möchte gern in meinem Metier weiterarbeiten. Vielleicht im Management, als Nachwuchstrainer habe ich viel Freude. Den Trainer-B-Schein bis zur zweiten Liga habe ich schon, den A-Schein will ich 2017 erwerben. Wir werden uns in Ruhe besprechen mit Manager Joe Gibbs und mit Milan Mokros von der Eishockey-jugend. Er war übrigens mein erster Trainer überhaupt, da war ich fünf, in Ravensburg.

Was also bringt Ihre Zukunft? 

Valenti: Zunächst ist wichtig, dass wir als Familie aus Kassel nicht mehr wegwollen. Und der Start ins neue Leben folgt sofort. Die Stadt unterstützt mich. Ich werde in der nächsten Woche im Sportamt ein Praktikum beginnen. Im Winter stehen Abschlussprüfungen an für den Fachwirt Sport.

Was waren in 23 Profijahren die tollsten Augenblicke?

Valenti: Beim Aufstieg 2008 war ich ja nicht dabei. Aber 2014 konnte ich mit meinem Tor gegen Duisburg 109 Sekunden vor Schluss dafür sorgen, dass wir vor dem Aufstieg überhaupt die Endrunde erreicht haben. Damals war der Druck unglaublich. Aber alles wird übertroffen von der Meisterschaft jetzt. Und meine Jungs mit Manu Klinge und Michi Christ haben es hinbekommen, dass ich als Erster den Pokal in die Höhe recken durfte.

Und schlimme Momente? 

Valenti: Davon gab es mehr als genug. Leider. Die Abstiege aus der DEL. Der erste 2005, als danach aber Wolfsburg keine Lizenz erhielt, mit tollen Spielern wie Gage, Laflamme, Corso und Bousquet. Aber es hat nicht gepasst. Und 2006 kam das endgültige Aus gegen Duisburg.

An welche Trainer gibt es nachhaltige Erinnerungen? 

Valenti: An Hans Zach, natürlich. Und an Sascha Barinev einst in Heilbronn. Ein Russe. Er hat viel Wert gelegt auf Technik und gute Schüsse. Er hat immer gesagt: „Ihre Beine tragen Sie im Eishockey über 60 Minuten, den Puck haben Sie nur für Sekunden. Also bitte trainieren Sie entsprechend.“

Und welche Mitspieler waren Ihnen wichtig? 

Valenti: Alle. Jeder einzelne. Aber ich wäre als Spieler vielleicht noch weiter gekommen, wenn ich Trainer Zach und Tobi Abstreiter als Mitspieler und Trainingspartner eher getroffen hätte. Von Tobi habe ich mir viel abgeschaut. Er hat mir gezeigt, was es heißt, über 24 Stunden als Profi zu leben. Das konzentrierte, fokussierte Training, die Ernährung, die Einstellung zum Beruf generell.

Aber da gab es doch auch einmal eine Panne in einem Ihrer zwölf Länderspiele, oder? 

Valenti: Ja, das war gegen Frankreich in Ulm. Einen Treffer hatte ich schon erzielt, dann bekam ich einen langen Pass und sauste allein aufs Tor zu. Aber gerade als ich überlege, wie ich abschließen würde, bleibe ich mit einer Kufe im Eis hängen und fabriziere einen Bauchplatscher.

Damals haben Sie noch Stürmer gespielt. Wer hat Sie zum Verteidiger gemacht? 

Valenti: Im Nachwuchs schon habe ich immer mal hinten gespielt, in der Nationalmannschaft in Überzahl an der Blauen Linie. Trainer Craig Sarner in Mannheim habe ich 1993 noch einen Korb gegeben, aber mit Axel Kammerer hat es dann zehn Jahre später in Kassel funktioniert.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kasseler Eishockeys? 

Valenti: Mit gemischten Gefühlen. Denn einerseits wird hier mit begrenzten Mitteln und Hallenzeiten unglaublich viel erreicht. Dass wir vier Leistungsträger aus Kassel im Team hatten, war gerade in den Playoffs ein ganz wichtiger Faktor. Andererseits träume ich davon, was wir alles erreichen könnten mit einer zweiten Eisfläche und der großartigen Begeisterung in der Region.

ZUR PERSON:

 

Sven Valenti wird am 20. Juli 41. In Freiburg geboren, kam er via Ravensburg, Mannheim, Heilbronn, Nürnberg und Bad Tölz 2001 erstmals nach Kassel. Bis 2007 und nach Zwischenstationen in Essen sowie Weißwasser dann von 2011 bis jetzt bestritt er 602 Spiele im Huskies-Trikot. Mit Ehefrau Christine, Sohn Yannik und Tochter Lena lebt er in Kaufungen. Vater Danilo (61) war Spieler und ist nun Nachwuchstrainer in Mannheim, Schwester Maren (39) war Nationalspielerin, Sohn Yannik (15) trägt den Adler im deutschen Juniorenteam.

Rubriklistenbild: © Fischer/nh

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