Video

Interview: Kapitän Klinge vor seinem 500. Spiel für die Huskies

Kassel. Mit einem Heimspiel gegen Vizemeister Bremerhaven starten die Huskies heute um 19.30 Uhr ins Eishockey-Wochenende und wollen endlich den ersten Saisonsieg landen.

Am Sonntag dann gastieren sie um 18.30 Uhr beim ESV Kaufbeuren. Ein Spiel, das vor allem für Manuel Klinge ein besonderes sein wird. Denn es soll der 500. Senioreneinsatz des Kapitäns in einem Serienspiel der Huskies werden.

Herr Klinge, haben Sie den Sekt oder das Bier für die Kollegen schon eingekauft? 

Manuel Klinge: Mein alter Kumpel Mathias Bergmann hat mir versprochen, in Kaufbeuren ein, zwei Kisten Flötzinger Bier bereitzustellen. Hoffentlich können wir nach einem Sieg alle zusammen anstoßen.

Erinnern Sie sich noch an ihr erstes Spiel, wie es begann? 

Klinge: Nur düster, ich glaube, es war bei den Eisbären im Berliner Wellblechpalast. Ein einschneidendes Erlebnis für den Kasseler Pupser vor einer Megakulisse, die nur mich angebrüllt hat. Mir ging der Stift, als der Coach den kleinen Manu aufs Eis schickte.

Nicht Trainer Hans Zach, sondern erst Axel Kammerer holte Sie 2003 mit 19 in den DEL-Kader. Sven Valenti war dabei, Stéphane Robitaille, Stephan Retzer und Tobi Abstreiter, der Kapitän. Warum kamen Sie nur zu drei Einsätzen im ersten Jahr? 

Stationen: Manuel Klinge 2004, 2005 bei seinem ersten Tor mit Sven Gerbig (rechts) und 2011 (von links).

Klinge: Gunnar Leidborg hat mich schon 2002 im Sommer mittrainieren lassen. Aber wegen einer Bänderdehnung war der Schnupperkurs rasch zu Ende. Bei Axel ging’s dann auch nur darum, zu lernen und zuzusehen. Der Sprung aus der Jugend in die DEL war riesig, da wurde niemand gleich ins kalte Wasser geworfen.

Im zweiten Jahr waren es immerhin 39 Spiele ... 

Klinge: Aber ich hatte kaum Eiszeit, saß meist auf der Bank. Ich war Lehrling, musste das System, das Verhalten und die Kommunikation lernen. Wir Jungen hatte die Schnauze zu halten, die erfahrenen Spieler machten die Vorgaben und ließen uns so gut reinwachsen. Es ging sportlich ums Überleben für die Huskies, da setzt kein Trainer auf junge Leute.

Wann haben Sie dann Ihr erstes Tor geschossen? 

Klinge: Keine Ahnung, ich erinnere mich nur an wenige Dinge von früher. Meine Mutter Eva archiviert zum Glück vieles für mich - Pucks, Trikots, Zeitungsartikel.

Es war am 30. Dezember 2005 zum 2:0 gegen Iserlohn. Endstand war 5:4. Erst 2006/07 ging dann der Knoten richtig auf. 61 Spiele mit 36 Toren in der zweiten Liga - haben Shawn McNeil und Hugo Boisvert Ihnen den Kick gegeben? 

Klinge: Absolut, sie haben viel mit mir geredet, Tipps gegeben und mir gezeigt, die Ruhe zu bewahren. Sie haben mich an die Hand genommen.

Und nun ist Hugo Boisvert als Co-Trainer ihr Chef ... 

Klinge: Ja, und der große Respekt ist geblieben. Auch wenn es jetzt partnerschaftlicher ist mit mir als Kapitän.

Die Huskies waren pleite, 2010/11 spielten sie in Mannheim, kehrten aber sofort wieder zurück nach Kassel - in die Oberliga. Es gibt Leute, die sagen, Sie hätten in der DEL gekniffen und eine große Karriere abgebrochen ...

Schon in jungen Jahren auf dem Eis.

Klinge: Ja, manchen bin ich ein Heimscheißer. Na und? Eishockey ist für mich seit jeher nicht nur Geschäft, sondern vor allem Leidenschaft und ehrliche Arbeit. Ich wollte nicht unbefriedigt Mitläufer in der DEL sein, sondern mich zu 100 Prozent identifizieren mit dem Team und dem Verein. Das ist nur in Kassel absolut der Fall. Und obwohl wir viel mitgemacht haben hier, war der Schritt absolut in Ordnung und ich bin stolz darauf, was wir bislang erreicht haben.

War also die Pressekonferenz zu Ihrer Rückkehr nach Kassel am 21. Juli 2011 ein besonders aufregender Moment? 

Klinge: Das war für euch Journalisten und die Fans aufregender als für mich. Denn meine Entscheidung war gereift, kein Schuss ins Blaue.

Sie haben mit 20 gesagt: „Ich lebe von meinem Talent, bin nicht gerade ein Arbeitstier.“ Wie ist das heute, mit 31? 

Klinge: Komplett umgekehrt. Ich muss viel tun für den Erfolg, weil ich eben nicht der Talentierteste bin.

Wie hat sich der Spieler Manuel Klinge in den zehn Jahren verändert? 

Klinge: Ich bin reifer und erfahrener geworden. Ein aggressiver Leader war ich nie, aber ich sage etwas, wenn’s nötig ist. Wie in Kaufbeuren mal, da bin ich sogar laut geworden. Wir hatten ein sicher geglaubtes Aufstiegsrundenspiel noch verloren durch Arroganz, Wechselfehler und Egoismus.

Was ist die schönste Erinnerung in elf Jahren Huskies? 

Klinge: Das Duisburg-Spiel im Frühjahr 2014, da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Wir mussten mindestens einen Punkt holen, um die Aufstiegsrunde zur DEL2 zu erreichen. Aber wir lagen zurück und die Uhr lief ab. Ich war verzweifelt, durcheinander, hatte keine Kraft mehr. Denn der K. o. wäre wohl das Aus fürs Kasseler Eishockey gewesen. Und nur noch fünf Minuten, vier, drei. Als Sven Valenti dann doch noch getroffen hat, war es einfach unfassbar. Danach gab es eine lange Nacht.

Und sonst? 

Klinge: Die Olympischen Spiele in Vancouver natürlich. Das sind tolle Erinnerungen, mit denen ich mich aufbaue, wenn’s mal nicht läuft. Das Logo und das Motto habe ich auf meinem linken Arm tätowiert. Nur: Das Video habe ich mir nie angesehen, auch mein Tor bedeutet mir nichts, weil es beim 2:7 unwichtig war.

Manuel Klinge: 500 Spiele im Huskies-Trikot

Welcher Moment war der traurigste? 

Klinge: Da ist kein einzelner Augenblick gewesen. Aber es ist immer bitter, wenn der Sport in den Hintergrund gedrängt und von wirtschaftlichen Abhängigkeiten dominiert wird. Es gab zu viel Ungewissheit in meinem Leben als Huskies-Spieler.

Was wäre aus Manuel Klinge ohne die Huskies geworden? 

Klinge: Keine Ahnung. Ich habe die Mittlere Reife erworben, Wirtschaft und Verwaltung. Man musste ja etwas machen. Aber mein Leben fand in der Eishalle statt, gab es keine Alternative zum Eishockey.

Auch nicht als Fußballer? 

Klinge: Nee, beim TSV Wolfsanger hatte ich nur ein kurzes Intermezzo bis mir der Trainer die Pistole auf die Brust gesetzt hat - Fußball oder Eishockey.

Das war ja die richtige Entscheidung. Was haben Sie noch vor, sportlich, beruflich, privat? 

Manuel Klinge heute.

Klinge: Das Wichtigste bei den Huskies ist, dass wir wirtschaftlich wie sportlich eine gesunde Basis haben mit Perspektive. Warum soll es nicht noch einmal mit der DEL klappen? Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten. Vielleicht später mal im Management. Aber auch mein Chef hält mir in seiner Firma viele Türen offen. Trainer werde ich nicht, ich bin zu ungeduldig. Im Privaten sind Elena und ich mit unserem Husky Kimmi eine kleine Familie, da werden sicher auch einmal Kinder hinzugehören.

Eines erklären Sie bitte noch: Woher stammt der Spruch „Manu Klinge ist ’ne Frau“? 

Klinge: Er war auf einmal da. Frankfurter Fans haben ihn aufgebracht. Ich kann darüber gut lachen, und bei uns im Team ist es längst ein Running Gag, bei dem jeder mitsingt.

Zur Person

Manuel Klinge (31, *5.9.1984) kam mit drei Jahren ebenso wie sein älterer Bruder Dennis durch Vater Klaus zum Eishockey in seiner Heimatstadt Kassel. Er durchlief alle Nachwuchsteams, stand 2003 erstmals im DEL-Kader. Bis auf 17 Spiele als Förderlizenzler für Oberligist Crimmitschau (2005/06) und die DEL-Saison 2010/11 (Mannheim) trug er stets das Kasseler Trikot. Klinge bestritt 24 Länderspiele, vier davon 2010 in Vancouver. Sein zweites und letztes Tor im Nationaltrikot gegen Goldgewinner Kanada mit Sid Crosby war der letzte deutsche Treffer bei Olympia.

Seit 14 Jahren ist er glücklich mit Elena, eine Ausbildung zum Industriekaufmann hat Klinge unterbrochen.

Rubriklistenbild: © Malmus

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.