Über Gefühle, Hintergründe und Perspektiven bei den Schlittenhunden

Huskies-Trainer Rico Rossi im Interview: „Ich genieße jeden Augenblick“

Kassel. Mit der traditionellen Abschlussfeier mit den Fans klingt heute ab 16 Uhr an der Eissporthalle die Eishockey-Meistersaison der Kassel Huskies aus. Trainer Rico Rossi zieht im Interview eine persönliche, emotionale Bilanz, erklärt Hintergründe und zeigt Perspektiven auf.

Erste Frage, Herr Rossi, wie geht’s Ihnen?

Rossi: Meine Stimme ist fast weg nach der längsten Feier meines Lebens, aber sonst ist alles prima. Ich gehe mit einem Lächeln im Gesicht ins Bett und stehe lächelnd wieder auf. Und ich bin total begeistert, wie diese nordhessische Region Eishockey lebt und liebt.

Funktioniert Ihr Handy noch nach den vielen Aufzeichnungen und Glückwünschen?

Rossi: Ja. Aber es stimmt, ich habe einige Stunden lang meine ganz persönlichen Erinnerungen gefilmt. Zum Glück. Als ich 1990 als Spieler in Italien Meister wurde mit Mailand, da gab es solche Geräte noch nicht und ich habe leider nur ganz wenige Bilder von damals.

Verändern die sechs glanzvollen Playoff-Wochen Ihr Leben?

Rossi: Mein Leben wohl nicht, hoffentlich. Aber als Trainer habe ich jetzt die nächste Ebene erreicht. Denn nicht viele Trainer werden Meister, und da ist es egal, in welcher Liga man den Titel holt.

Welche Momente werden Ihnen in Erinnerung bleiben?

Rossi: Vor allem einige Augenblicke, die eher im Stillen passiert sind. Der Ravensburger Stefan Langwieder war einst als junger Bursche mein Schützling in Heilbronn, nun beendet er seine Karriere. Nach dem Halbfinale hat er mir gratuliert und sich bedankt, dass ich ihn gefördert habe. Mit Sven Valenti habe ich mitten in der Nacht in der Kabine gesessen und es war großartig, sein Glück zu sehen und zu erleben. Dass er als Meister abtreten kann, das ist besser als jeder Hollywood-Film. Viele Spieler bedanken sich bei mir, dabei müsste ich mich bei ihnen bedanken. Marco Müller fiel mir um den Hals, weil er 2014 bei uns eine Chance bekam, als er arbeitslos war. Und nun ist er Meister.

Im Februar noch in der Kritik, haben Sie nun in kurzer Zeit viele neue Freunde gefunden.

Rossi: Ja, geht schnell, nicht wahr?! Ich genieße jeden Augenblick, die Freude jetzt kann mir nie mehr jemand nehmen. Aber ich bin Realist genug zu wissen, dass die Stimmung wieder rasch umschwenken kann, wenn es mal nicht läuft. Heute feiere ich auf dem Rathausbalkon, morgen gehe ich zum Arbeitsamt. Ich will’s nicht hoffen, aber so ist es im Sport.

Was bedeutet dieser Triumph Ihnen persönlich, wie ordnen Sie ihn ein?

Rossi: Natürlich tut die Bestätigung unglaublich gut, dass wir vieles richtig gemacht habe. Als Trainer lebt und stirbt man mit seiner Philosophie. Ich versuche, menschlich zu sein und ehrliche, harte Arbeit sowie Charakter mit Talent zu kombinieren. Einen talentierten Chaoten kann man in keiner Mannschaft gebrauchen.

Zweimal hintereinander waren Sie erfolgreich mit neu zusammengestellten Teams. Was ist das Erfolgsrezept?

Rossi: Neben der harten Arbeit vor allem Wissen und Gespür. Joe Gibbs zählt zu den Managern hier, die unglaublich viel wissen über Eishockey. Als Spieler, als Manager, als Scout für Toronto - er hat viele gute Kontakte in Deutschland, in Europa und in Nordamerika. Gemeinsam haben wir ein Netzwerk mit vielen Stationen, wo wir uns über Spieler informieren. Bremerhaven beispielsweise hat das auch, aber anders. Wir gehen tiefer, informieren uns auch genau über Psyche, Teamgeist und persönliche Hintergründe. Es hat sich rasch herumgesprochen, dass wir Spieler besser machen. Ein alter Freund von der Uni hatte uns 2014 Mike Collins empfohlen. Ein Glücksgriff. Ein Jahr später ging Collins nach Krefeld, legte uns Braden Pimm ans Herz. Der nächste Glücksgriff. Und: Als wir 2014 bei Torwart Nielsen danebenlagen, kamen Järvinen und später Frazee. In dieser Saison gab’s Probleme in der Abwehr. Wir fanden Mike Little, und der ist so gut, dass ihn die DEL holt.

Aber zum zweiten Mal auch brechen diese Teams gleich wieder auseinander. Warum kann in Kassel personell nicht langfristig gearbeitet werden, obwohl gerade das Meisterteam mit seiner Altersstruktur doch eine super Perspektive hätte?

Rossi: Das hat drei Gründe - private, sportliche und finanzielle. Carciola will einmal mit seinem Bruder zusammenspielen. Also geht er nach Ravensburg, weil er privat flexibler ist als Fabio. Schade, das ist ein großer Verlust für uns, aber nachvollziehbar. Sturm will heiraten, eine Familie gründen und in Süddeutschland leben. Palausch, Meilleur, Proft, Little, MacQueen und Maginot können es in die DEL schaffen, diese Chance müssen sie nutzen. Und schließlich können sportlich mit uns vielleicht vergleichbare Teams offenbar mehr zahlen als die Huskies.

Aber für Sie persönlich muss es doch total frustrierend sein, immer wieder neu anfangen zu müssen?

Rossi: Nein, denn als Zweitligist in unserer Lage weiß man, dass das normal ist. Wir können nie langfristig planen oder kontinuierlich ein Team aufbauen. Wir müssen den Kader beinahe über Nacht zusammenstellen. Aber das ist jedesmal auch wieder eine tolle Herausforderung. Und es macht Spaß, hart zu arbeiten dafür, dass es wieder passt, und zu sehen, wie wir junge Leute voranbringen können.

Nun verlassen nicht nur viele Asse das Team, es ändert sich auch die Rolle der Huskies zur nächsten Saison vom Jäger zum Gejagten. Wird es viel schwerer 2016/17?

Rossi: Nur dann, wenn wir uns überheblich auf dem Erfolg ausruhen und die neue Herausforderung nicht annehmen. Wir müssen uns, den Fans und den Spielern bewusst machen, dass der Titel außergewöhnlich war und es im August mit neuen Zielen und harter Arbeit wieder bei null losgeht.

Dann wird die Anzahl der Kasseler Jungs ohne Valenti und Carciola auf drei sinken, obwohl das Quintett doch gerade in den Playoffs eine ganz wichtige Konstante und auch emotional ein Trumpf war. Wie also wird das Huskies-Team der nächsten Saison aussehen?

Rossi: Vielleicht werden wir noch jünger. Aber wir werden in der Struktur wenig ändern: Starke Ausländer - einen hinten, drei vorn; hungrige Deutsche und die Kasseler Klinge, Christ und Heinrich als elementare Basis. Fakt ist: Die Zusammenarbeit mit Mannheim wird wohl fortgesetzt und ich habe einen Vertrag für die nächste Saison. Genau so wie Markus Keller. Und der ist der beste Torwart der DEL 2.

Zur Person

Rico Rossi (50) ist jetzt zum dritten Mal Meister: 1990 holte er als Spieler in Italien den Titel mit Mailand, 2007 führte er Heilbronn zu Oberliga-Meisterschaft und Zweitliga-Aufstieg. Der Italo-Kanadier aus Toronto kam 1989 als Stürmer nach Europa (Mailand), begann dort auch 1995 die Trainerkarriere. Duisburg, Bayreuth und Mannheim (als Co-Trainer) waren die weiteren Stationen. Von 2004 bis 2014 arbeitete er als Coach und/oder Sportlicher Leiter beim Zweitligisten Heilbronn, seit Sommer 2014 ist er Cheftrainer der Huskies. 2015 war sein Team Hauptrunden-Dritter, scheiterte im Viertelfinale aber an Landshut (1:4). Rossi ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn. Hobby: Golf.

Rubriklistenbild: © HNA/Fischer

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