„Jeder Stillstand ist Rückschritt“

Interview: Organisator Aufenanger über 10 Jahre Kassel Marathon und die Zukunft

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Facettenreich: Winfried Aufenanger – hier auf einem Archivfoto aus dem Jahr 2007 – organisiert den Kasseler Marathon zum zehnten Mal. Das Puzzle im Hintergrund ist aus Einzelbildern von Marathonläufern zusammengesetzt.

Kassel. Früher war er Mr. Citylauf. Jetzt organisiert Winfried Aufenanger zusammen mit 1000 ehrenamtlichen Helfern zum zehnten Mal den Eon Kassel Marathon.

Die Großveranstaltung hat sich inzwischen weit über Kassel hinaus im Kalender der Städtemarathons etabliert. Im Redaktionsgespräch äußert sich der 69-Jährige über die aktuelle Lage und die Perspektiven.

Der zehnte Kasseler Marathon steht vor der Tür. Sie organisieren das Großereignis und haben noch immer kein Handy. Wie geht das?

Aufenanger: Im künftigen Leben will ich mich bei der Vielzahl von anderen Kommunikationswegen nicht damit belasten. Bei der Veranstaltung selbst unterstützt mich eine Mitarbeiterin mit ihrem Handy, damit ich mich im Begleitfahrzeug auf den Wettkampf konzentrieren kann.

Der Marathon ist seit 2007 über Kassel hinaus zu einer festen Größe geworden. Damals haben Sie gesagt, dass Sie sich nach dem zehnten Lauf zurückziehen wollen. Wie stehen Sie heute zu dieser Aussage?

Aufenanger: Damals konnte ich noch gar nicht absehen, wie sich die Veranstaltung entwickelt. Die vielen positiven Rückmeldungen motivieren mich allerdings so, dass ich noch eine Weile weitermachen will.

Aber ewig geht das auch nicht. Nächstes Jahr werden Sie 70. Haben Sie schon mal an Nachfolger gedacht?

Aufenanger: Das ist für mich ein ganz schwieriger Punkt. Ein Organisationschef müsste auch akzeptieren, dass Gehalt und Aufwand für eine solche Aufgabe in keinem günstigen Verhältnis stehen. Viel Arbeit für dieses Ereignis wird für sehr wenig Gehalt geleistet – meine Tätigkeit eingeschlossen. Theoretisch kann es sogar passieren, dass mit meinem Ausscheiden der Marathon in Kassel sein Ende findet.

Sie haben mit immer neuen Wettbewerben alles darangesetzt, die Veranstaltung größer zu machen. Ist sie mit 10 000 bis 11 000 Teilnehmern an der Obergrenze angekommen?

Aufenanger: Jeder Stillstand ist für uns Rückschritt. Deshalb haben wir jetzt bereits den Bambinilauf neu im Angebot. Mehr als 300 Kindergarten-kinder sind bereits gemeldet. Darauf sind wir stolz.

Und Sie haben erstmals einen neuen Termin ...

Aufenanger: ... im Herbst. Damit setzen wir uns zwar neuer Konkurrenz aus, aber wir hoffen auf neue Teilnehmer aus Thüringen. Bisher standen wir dort in direkter Konkurrenz mit dem Rennsteiglauf. Insgesamt haben wir in Kassel natürlich nicht das Einzugsgebiet von Städten wie Berlin, Frankfurt oder Köln.

Nur beim Marathon selbst schwächelt die Veranstaltung.

Will am liebsten auch kommende Woche wieder aufs Titelbild: Winfried Aufenanger mit der HNA von 2015.

Aufenanger: Das stimmt, aber in diesem Jahr liegen wir schon bei 600 gemeldeten Teilnehmern und damit 15 Prozent mehr als in der Vergangenheit. Was uns dabei besonders bewegt, ist die Tatsache, dass der KasselerMarathon mit einem ungünstigen Streckenprofil in Verbindung gebracht wird. Dabei hat der Frankfurter Marathon insgesamt mehr Höhenmeter. Theoretisch wäre damit sogar eine Weltklassezeit in Kassel möglich.

Ist das ein Wunsch von Ihnen?

Aufenanger: Nein. Wir wollen weiter die Region in Bewegung versetzen. Für uns spielt der Aspekt Gesundheit nach wie vor eine große Rolle. Daher auch die 17 Marathon-Stützpunkte, in denen sich auch Anfänger vorbereiten können. Darüber hinaus ist uns die Förderung deutscher Spitzenläufer wichtig, die wir mit einem eigenen Prämiensystem belohnen.

Es gibt aber auch noch den Mini-Marathon. Am Anfang waren es 300 Teilnehmer, vergangenes Jahr 5000. Eine Erfolgsgeschichte?

Aufenanger: Auf alle Fälle. Die Minis mit 12 000 Zuschauern im Auestadion sind natürlich ein Höhepunkt für uns. 130 Schulen waren zuletzt dabei. Nur in Berlin laufen mehr Kinder. Diese Zahlen sprechen für sich.

Und die Zuschauer an der Strecke? 70 000 sollen es schon mal gewesen sein. Kann man da noch an der Schraube drehen?

Aufenanger: Wir sind ständig mit 15 Ortsbeiräten im Gespräch, um möglichst viele Zuschauer auf die Straße zu bringen. Sehr glücklich sind wir jetzt auch über die Zusammenarbeit mit der Grimmwelt und die Einbeziehung von Märchenbildern an den Grenzen der Stadtteile. Das schafft Identität und feilt an unserem Image. Zum Glück sind die Bauarbeiten auf der Friedrich-Ebert-Straße beendet. Dort erhoffen wir uns auch wieder einen größeren Publikumszuspruch.

Sie sind national in der Bewertung von 220 Marathons unter den ersten 10. Sie erhalten viel Lob, aber der Deutsche Leichtathletikverband hat Ihnen noch nicht mal eine Ehrenkarte für die Deutschen Meisterschaften geschickt. Ärgert Sie das?

Aufenanger: Überhaupt nicht. Ich war zwar 20 Jahre lang Bundestrainer für Marathon, aber manche Sachen geraten im Lauf der Zeit einfach in Vergessenheit. Da unterstelle ich keine böse Absicht.

Was ist schwieriger: einen Marathon zu laufen oder einen zu organisieren?

Aufenanger: Wohl die Organisation – sonst würde es ja mehr Marathon-Organisatoren geben.

Zur Person

Winfried Aufenanger, 69, war bis 2000 zwanzig Jahre lang ehrenamtlicher Verbandstrainer der Marathonläufer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Bis zu seiner Pensionierung leitete er als Polizeibeamter das Revier Kassel-Nord in Vellmar. Als langjähriger Marathon-Bundestrainer nahm er fünfmal an Olympischen Spielen teil. 

Aufenanger arbeitet seit 50 Jahren als Trainer (inzwischen PSV Grün-Weiß Kassel) und hat zahlreiche Athleten zu Meisterschaften und Länderkämpfen geführt. Er ist Mitbegründer des Kasseler Citylaufes und rief den Kasseler Marathon ins Leben, der erstmals am 10. Juni 2007 stattfand. Aufenanger ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes. Er lebt in Ahnatal und hat drei Enkelkinder. 

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