Interview

Buch über KSV-Spieler Evljuskin: „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“

Das große Talent: Evljuskin mit 8 Jahren. Seine Berufung deutet sich selbst auf Passfotos an.

Kassel. „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ - so heißt das Buch von Sergej Evljuskin und Christof Dörr, das am Samstag erscheint. Es handelt über das Leben des Fußballers Evljuskin: einst das größte deutsche Talent, heute beim KSV Hessen in Liga vier aktiv.

Herr Evljuskin, das Buch von Ihnen und über Sie hat knapp 250 Seiten, aber können Sie auch in einem Satz erklären, warum Sie kein Weltmeister sind?

Sergej Evljuskin: Ganz einfach: Ich gehörte vor zwei Jahren nicht zum Kader der Nationalmannschaft. Da ist es schwer, Weltmeister zu werden. Aber im Ernst, vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: Im Fußball muss man manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein - womöglich war ich das nicht. Du brauchst die richtigen Trainer und Förderer, die dich ins kalte Wasser schmeißen - vielleicht hatte ich die nicht. An Verletzungen hat es jedenfalls nicht gelegen, davon bin ich verschont geblieben.

Dann fragen wir den Autor: Herr Dörr, Sie haben viele Gespräche mit Evljuskin und seinen Wegbegleitern geführt. Woran hat es denn gelegen?

Christof Dörr: Das, was ich in fast allen Interviews gehört habe, war, dass Sergej zu lieb war. Er war zu wenig Drecksau. Sergej hat nie gesagt: Ich will jetzt Karriere machen. Peter Hyballa, sein ehemaliger Trainer in der U 17 und U 19 des VfL Wolfsburg, sagt zum Beispiel, dass Sergej nie der Typ war, der im Mittelpunkt stehen muss.

Und das unterscheidet ihn von Spielern wie Mario Götze, die den Sprung geschafft haben?

Dörr: Der Vergleich mit Götze wird oft herangezogen. Er bekam ja auch zweimal die Fritz-Walter-Medaille für den besten Jugendspieler im Deutschen Fußball-Bund verliehen. Hyballa sagt über Götze, dass der schon in der Jugend immer der Star sein wollte. Götze, den Hyballa in der Dortmunder U 19 trainierte, schoss selbst das Tor, Sergej hingegen legte lieber noch mal quer.

Herr Evljuskin, haben Sie nie den Rat bekommen, egoistischer zu sein?

Evljuskin: Doch, natürlich. Hyballa zum Beispiel hat mir mit auf den Weg gegeben, nicht mehr so lieb zu sein. Aber ich bin nun mal kein Selbstdarsteller und halt auch keine Rampensau. Das ist nicht meine Mentalität. Für mich stand immer das Team im Vordergrund.

Im Buch wird deutlich, dass Sergej Evljuskin trotz der verpassten Profi-Karriere mit sich im Reinen ist. Täuscht das?

Dörr: Das ist ja das Positive an dem Buch. Sergej sieht es keineswegs so, dass er gescheitert ist. Es gibt kein Gejammer, kein Wäre-ich-bloß oder Hätte-ich-mal. Er sagt sich: Jetzt spiele ich halt in der vierten Liga bei einem Traditionsverein - und das macht mir Spaß. Das ist schon bemerkenswert.

Sind Sie mit einer anderen Erwartungshaltung in dieses Buchprojekt gegangen?

Dörr: Wenn man Sergej Evljuskin googelt, ist ja sofort von einem gescheiterten Talent die Rede. Von daher war ich von seiner positiven Grundhaltung tatsächlich überrascht. Und ich bin froh, dass es so ist. Über jemanden zu schreiben, der sich bemitleidet und anderen die Schuld gibt, dazu hätte ich weniger Lust gehabt.

Gibt es nicht doch manchmal einen Moment des Haderns?

Evljuskin: Ich habe nie gedacht: Beim nächsten Mal würde ich etwas anders machen. Andere wären an meiner Situation womöglich zerbrochen. So ein Typ bin ich aber nicht. Ich kann mir nichts vorwerfen. Ich habe mich nie zurückgelehnt, obwohl fast jeder gesagt hat, dass ich es schaffen werde.

Der Trainer, der ihn 2007 in Wolfsburg nicht berücksichtigt hat, heißt Felix Magath. Der kommt im Buch nicht zu Wort. Warum?

Dörr: Ich habe bei Magath angefragt. Er war auch erst interessiert. Aber er hat dann schließlich ausrichten lassen, dass er sich zu wenig an die Zeit erinnern würde, um fundiert Auskunft zu geben.

Von der Geschichte scheint eine Faszination auszugehen. Überregionale Medien wie der Spiegel haben bereits groß berichtet. Überrascht Sie das?

Dörr: Schon. Da war ich wirklich baff. Aber es ist halt auch kein typisches Fußball-Buch. Es ist nicht die Geschichte, wie es jemand vom Bolzplatz in die großen Arenen schafft. Durch das Buch wird deutlich: Sergej ist einer von uns, der es eben nicht ganz geschafft hat. Hinzu kommen die familiären Aspekte, der Umzug von Kirgisien nach Deutschland und die damit verbundenen Werte, die Sergej vermittelt. Davon lebt das Buch.

Herr Evljuskin, Sie reden sehr offen über Privates. Hatten Sie damit Probleme?

Evljuskin: Eigentlich nicht. Es macht mir nichts aus, meine Gefühlswelt preiszugeben. Zwischen Christof und mir herrschte eine sehr gute Atmosphäre. Und mit der Zeit wurde die Sache spannender und interessanter.

Mussten Sie anfangs eigentlich überredet werden, ein solches Buch zu schreiben, in dem es über Sie geht?

Evljuskin: Am Anfang habe ich mich gefragt: Warum? Es gibt Bücher über Franz Beckenbauer und Michael Jordan - warum also über mich? Und jetzt ist es einfach ein schönes Gefühl, ein Exemplar in der Hand zu halten.

Zu den Personen

Christof Dörr (44) ist Redakteur beim Hessischen Rundfunk in Kassel. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Sergej Evljuskin (28) spielt seit 2014 für den KSV Hessen Kassel. Er ist ledig.

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