Wie der KSV erst protestierte und dann 5:3 gewann

Vom Eklat bis zur Attraktion: Das Protokoll eines skurrilen Fußballabends

Standfußball: In der ersten Minute weigerten sich die KSV-Spieler (weißes Trikot), am Spiel gegen Köln teilzunehmen. Foto: Hedler

Kassel. Es gibt Fußballabende, die sind schwer zu begreifen, schwer zu fassen, schwer zu beurteilen – auch im Nachhinein.

Nach dem 5:3 des Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel gegen den Bundesligisten 1. FC Köln lässt sich sicher nur sagen: Dieser Dienstag war skurril. Aber was noch? Das Protokoll eines Abends, an dem die Stimmung wechselte und der in Erinnerung bleiben wird.

18.15 Uhr: Noch 45 Minuten bis zum Anpfiff. Um das Kasseler Auestadion herum herrscht schon viel Betrieb. KSV-Finanzvorstand Dirk Lassen steht mit Geschäftsstellenleiter Torsten Pfennig am Eingang. Zu dieser Zeit kursiert eine Meldung, dass der Test gegen Köln auf der Kippe gestanden haben soll, weil die Spieler ihre Gehälter nicht pünktlich bekommen hätten. Lassen zeigt sich erstaunt, schaut auf sein Handy, sagt schließlich: „Das ist Quatsch.“ Er gibt aber zu, dass ein kleiner Rest noch nicht bezahlt worden sei.

19 Uhr: Anpfiff. Der 1. FC Köln hat Anstoß, die Spieler passen sich den Ball zu. Die Löwen stehen starr auf dem Rasen, bewegen sich nicht. Was passiert da gerade? Ein Boykott? Nach einer Minute beteiligt sich auch der KSV an diesem Spiel, doch auch nach zehn Minuten ist das Tempo der Partie nicht sehr hoch.

Einschätzung: Ein Freundschaftsspiel vor 5100 zahlenden Zuschauern, bei dem sich der Gastgeber weigert zu spielen? Wir veröffentlichen die erste Meldung bei Kassel live und bei HNA.de und bezeichnen die Vorkommnisse als Eklat. Die Meldung macht schnell die Runde.

19.38 Uhr: Mike Feigenspan hat soeben das 2:1 für den KSV geschossen. Die triste Stimmung ist längst aus dem Auestadion gewichen, es gibt viel Applaus.

Gar nicht so schlecht, der KSV. Von Arbeitsverweigerung ist zumindest nichts mehr zu spüren. 

19.45 Uhr: Halbzeit. KSV-Vorstand Dirk Lassen nennt die Aktion der Spieler eine Frechheit.

Wir entscheiden uns für einen Kommentar, den wir in der Zeitung zu dem Schnellcheck stellen wollen. Die Überschrift: „Falsche Bühne“

20.40 Uhr: Kurz vor Schluss erzielt Marco Dawid das 5:3 für den KSV unter dem Jubel der begeisterten Zuschauer. Was nur ist hier bitteschön los?

Dieses Fußballspiel, das erst nicht losgehen wollte, ist plötzlich eine Attraktion. Und der KSV spielt so zielstrebig und selbstbewusst wie selten zuvor. 

21.10 Uhr: Die meisten Zuschauer gehen zufrieden nach Hause. Während der Pressekonferenz erklärt KSV-Kapitän Tobias Becker: „Wir als Mannschaft wollten aufmerksam machen auf die Vorgänge der letzten Zeit.“ Trainer Matthias Mink spricht von einem stillen Protest der Mannschaft. Zuvor schon hatte sich der an diesem Tag nicht eingesetzte Torwart Kevin Rauhut geäußert. Er bestätigte, dass die Aktion auf die unpünktlichen Gehaltszahlungen zurückzuführen sind, sagt aber auch: „Wir bekommen immer unser Geld.“

Was war das nun? Im Mittelpunkt steht das gute Spiel des KSV und die Tatsache, dass die Löwen ihrem kurzen Boykott eine wirklich gute Leistung haben folgen lassen. Wir entscheiden uns daher, das Wort Eklat in der Berichterstattung auszutauschen gegen das Wort Protest. Vielleicht trifft es das besser. 

21.20 Uhr: Der Bus der Kölner kann den abgesperrten Bereich des Auestadions zunächst nicht verlassen. Der Grund: Der Schlüssel für das Tor ist nicht zu finden.

Irgendwie passt das zu diesem Abend. 

23 Uhr: Die überregionalen Medien berichten nun von der Partie in Kassel. Von einem kuriosen Testspiel ist die Rede. Der Kicker titelt online: „Köln verliert gegen regungslosen Gegner.“

Diese Überschrift ist so skurril wie der ganze Abend – und deshalb ist sie treffend. Der KSV: regungslos und forsch zugleich, Turbulenzen inklusive.

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