Fußball-Regionalligist steht vor einer Herkulesaufgabe

Finanzielle Schieflage beim KSV: Sind die Löwen noch zu retten?

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Die Lage spitzt sich zu: Die Löwen könnten bald Opfer ihrer finanzielen Situation werden.

Kassel. Dass Fußball-Regionalligist KSV Hessen Kassel finanzielle Schwierigkeiten hat, das war seit langem bekannt. Die Mitgliederversammlung am vergangenen Montag lieferte neue Zahlen, die aber längst nicht schlüssig erklärt wurden.

Der Verein hat fast zwei Millionen Euro Verbindlichkeiten und ein nicht gedecktes Defizit von fast einer Million Euro. Droht nun gar die Insolvenz? Und - überspitzt formuliert: Ist der KSV noch zu retten?

Wir versuchen hier, erste Antworten zu geben zur mitunter ziemlich undurchsichtigen Lage. Ach ja: Am heutigen Mittwoch trägt der KSV noch ein Testspiel aus.

Was bedeuten die während der Mitgliederversammlung vorgelegten Zahlen konkret? 

Am aussagekräftigsten sind zwei Werte: die 985 000 Euro, die das nicht-gedeckte Defizit ausdrücken. Und die annähernd halbe Million Euro, die sich an kurzfristigen Verbindlichkeiten angehäuft hat. Diese muss der KSV in Bälde begleichen. Dabei kommt ihm zupass, dass am 1. Juli formal die neue Saison beginnt und frisches Geld von Sponsoren fließt.

Übermittler schlechter Zahlen: Dirk Lassen.

Allerdings ist das ein Leben von der Hand in den Mund, weil der KSV ja weiterhin laufende Kosten hat. Um die zu reduzieren, hat er den Etat für die kommende Saison von 2,1 Millionen Euro auf 1,5 gekürzt. Trotzdem bleibt die Lage heikel. Dass die kurzfristigen Verbindlichkeiten nicht noch höher sind, liegt auch daran, dass einTeilbetrag des nicht-gedeckten Defizits aus Darlehen von Gönnern resultiert, die im Zweifelsfall ihren Einsatz in eine Spende umwandeln können. Trotzdem bleibt eine Frage, die auch gestern nicht geklärt werden konnte, da Finanzvorstand Dirk Lassen uns gestern nicht zur Verfügung stand: Wieso ist der Schuldenberg dermaßen gestiegen? Im Vorjahr standen bei den Verbindlichkeiten rund 950 000 Euro. Das neue Defizit für 2015 war auf knapp 200 000 Euro beziffert worden. Den Sprung auf nun 1,9 Millionen Verbindlichkeiten erklärt das nicht.

Möglich, dass die Gründe in den Darlehen durch Gönner liegen, die natürlich auf der Minusseite zu finden sind. Auch Abfindungen für Sylvano Comvalius und den früheren Vermarkter Joe Gibbs könnten eine Rolle spielen.

Wieso sagt Finanzvorstand Dirk Lassen trotz der prekären Situation, dass eine Insolvenz nicht drohe?

Das hat wohl auch mit seinem Einsatz zu tun. Er stopft mit privatem Vermögen beim KSV finanzielle Löcher. Solange er und zwei, drei andere Gönner das tun, droht offenbar keine Insolvenz. Allerdings wird es problematisch, wenn Lassen aussteigt. Insofern hat er als Vorstand, der mitunter in der Kritik steht, ein gewisses Druckmittel.

Welche Auswirkungen hat die Finanzsituation derzeit auf die Mannschaft?

Der um 600.000 Euro reduzierte Etat hat zur Folge, dass der KSV mit einer Mannschaft in die neue Saison geht, die Leistungsträger wie Kapitän Tobias Becker und Mike Feigenspan verloren hat. Im Gegenzug wurden Talente aus der Region verpflichtet. Mit diesem Team droht der Abstiegskampf.

Aber: Es ist um einiges billiger als das letzte. Allein Großverdiener Comvalius mit einem Monatsgehalt in hoher vierstelliger Höhe, ist vom Gehaltszettel verschwunden.

Stehen noch Gehaltszahlungen aus? 

Nach Informationen unserer Zeitung sind zwar die Mai-Gehälter der Spieler aus dem Kader der vergangenen Saison bezahlt, auf die Juni-Gehälter warten die Akteure allerdings. Was die Mitarbeiter im Nachwuchsbereich angelangt, muss die Situation noch gravierender sein.

Zuletzt war es immer wieder zu Verzögerungen bei den Gehaltszahlungen gekommen. Das soll soweit gegangen sein, dass die Spieler in das so wichtige Pokalhalbfinale bei Kickers Offenbach gingen, ohne vorher Geld gesehen zu haben. Motivation geht anders.

Das Sponsoring: Schwere Suche nach Unterstützern

Die Zukunft des KSV Hessen Kassel hängt nun auch vom Geschick des neuen Vermarkters ab: Michael Krannich ist am Montagabend während der Mitgliederversammlung vorgestellt worden. Er sammelte bereits beim Frauen-Bundesligisten Jena Erfahrung und tritt die Nachfolge von Michael Pfeffer an.

Auf Krannich ruhen nun die Hoffnungen. Er soll wieder mehr Sponsoren für den KSV gewinnen, nachdem die Zahl der Unterstützer in den vergangenen fünf Jahren von 102 auf 62 gesunken ist und die Einnahmen aus diesem Bereich stark rückläufig sind. Mehr noch: Mit VW zieht sich zum Ende der nun beginnenden Saison der Hauptsponsor zurück, der für die anstehende Saison noch einen Betrag von annähernd 280 000 Euro an den KSV zahlt. Die Vermarktung enthält also auch die Suche nach einem neuen Hauptsponsor.

Das alles heißt konkret: Gelingt in den kommenden zwölf Monaten nicht die Kehrtwende in Sachen Sponsoring, sieht es ziemlich düster rund um den KSV aus. Krannich trauen aber auch Außenstehende durchaus zu, die Vermarktung voranzutreiben, zumal zuletzt immer wieder Kritik an Michael Pfeffer aufgekommen war, zu wenig aus den Möglichkeiten zu machen.

Die Gremien: Die Kritik wächst

Aufsichtsrat und Vorstand wurden während der Mitgliederversammlung entlastet - wenn auch längst nicht einstimmig. Das heißt: Die Versammlung billigte die Geschäftstätigkeit der Organe, die beim KSV das Sagen haben. Der Vorstand kümmert sich um die laufenden Angelegenheiten, in ihm sitzen Rückkehrer Wolfgang Linnenbrink, der einst Vorsitzender des Aufsichtrsrates war, Dirk Lassen, Dirk Wiegand sowie die Neulinge Daniel Bettermann und Alexandra Berge. Der Aufsichtsrat besteht aus dem Vorsitzenden Frank Greizer, aus Matthias Hartmann, Dr. Michael Lacher, Dr. Frank Walter, Jens Lüdecke, Albrecht Striegel und Matthias Uffelmann.

Der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand - und muss sich jetzt auch kritische Fragen gefallen lassen. Allen voran diese: Warum hat er keine Gegenmaßnahmen eingeleitet, als sich abzeichnete, dass sich der Etat für die vergangene Saison von 2,1 Millionen Euro nie und nimmer decken lässt?

Stoppen wollte der Aufsichtsrat nach Informationen unserer Zeitung dagegen zuletzt eine Personalie, die allgemein als gelungen bewertet wird: die Weiterbeschäftigung des gesundheitlich angeschlagenen Steffen Friedrich, der nun vor allem als Teammanager agiert und Trainer Tobias Cramer entlastet. Friedrich soll nun von einem externen Gönner bezahlt werden.

Unglücklich auch eine Aussage des Vorsitzenden Frank Greizer während der Mitgliederversammlung. Er sprach davon, dass der Weggang des Geschäftsstellenleiters Torsten Pfennig keine große Lücke reißen werden. Pfennig war aber derjenige, der zuletzt den Laden am Laufen hielt und zugleich auch noch Pressesprecher war.

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Hintergrund: Am Mittwoch Spiel in Allendorf

Nach dem 2:3 im ersten Testspiel gegen den Hessenligisten KSV Baunatal steht für den Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel am heutigen Mittwoch der nächste Test an. Die Löwen sind ab 18.30 Uhr Gast beim Hessenligisten Eintracht Stadtallendorf. Am kommenden Samstag steht dann die Präsentation der Mannschaft inklusive eines Trainingsspielchens auf dem Programm. Beginn auf dem Trainingsplatz am Vereinsheim wird dann um 11 Uhr sein.  

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