Es lag ein Schatten über dem Auestadion

Interview: Bobo Mayer über seinen Abschied vom KSV

Kassel. Wenn Fußball-Regionalligist KSV Hessen Kassel heute (14 Uhr) in Neckarelz sein letztes Saisonspiel bestreitet, dann ist es für einen ein ganz besonderes Spiel. Andreas Mayer, stets Bobo genannt, erlebt seinen letzten Auftritt im Löwen-Trikot. Ein Interview zum Abschied.

Bobo Mayer, Sie haben während der Jahreshauptversammlung minutenlang Applaus bekommen. Hat Sie der Beifall gerührt?

Bobo Mayer: Absolut. Als ich mich umgedreht habe und gesehen habe, dass der Saal stand, da hab ich Gänsehaut bekommen. Da geht einem durch den Kopf, dass jetzt etwas zu Ende ist. Schön war in diesem Moment: Ich habe gemerkt, dass ich den einen oder anderen durch meine Art doch begeistern konnte.

Das haben ja auch die vielen Plakate beim letzten Heimspiel gezeigt.

Mayer: Da war es auch schon sehr emotional. Die Zuschauer haben honoriert, dass ich vier Jahre versucht habe, den KSV zu leben. Das Wappen habe ich mit Stolz auf der Brust getragen. Ich werde immer auch ein Löwe bleiben. Ich möchte daher unbedingt drei Namen nennen, die mir stets vorgelebt haben, was der KSV bewegen kann: Jens Rose, Holger Günter und mein Vermieter Herbert Dietzel.

Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Kassel?

Mayer: Ich werde das Trikot am Samstag mit viel Wehmut zum letzten Mal anziehen.

Wieso gab es keine Vertrtagsverlängerung?

Mayer: Wir hatten lange Gespräche darüber. Man hat mir nie das Gefühl gegeben, mich nicht halten zu wollen. Am Ende waren die Vorstellungen aber zu unterschiedlich. Bei mir haben letztlich private Gründe den Ausschlag gegeben. Ich werde Vater. Meinem Vater geht es gesundheitlich nicht so gut. Ich musste die Familie in den Vordergrund stellen. Jedenfalls scheide ich hier nicht in Unfrieden.

Sie haben in Kassel fast alles erlebt: sieben Trainer, zwei Fast-Aufstiege, einen Fast-Abstieg. Hätten Sie gedacht, dass so viel in vier Jahre passt?

Zur Person: Bobo Mayer

ANDREAS BOBO MAYER wurde 1980 im bayrischen Nördlingen geboren. Der Mittelfeldspieler begann seine Profikarriere beim VfR Aalen. Über weitere Stationen – etwa Ulm und Hoffenheim – wechselte der beidfüßige Mittelfeldspieler 2010 zu den Löwen. Dort absolvierte der 1,74 Meter große Fanliebling 127 Spiele. 38 Treffer erzielte er. Nun geht es für zum Süd-Regionalligisten Memmingen. Wohnen wird er mit Freundin Elena in Ulm. Im Juni steht die Geburt ihrer Tochter an.

Mayer: Absolut nicht. Ich habe natürlich im Vorfeld verfolgt, was der KSV schon alles erlebt hat. Aber mit dem, was dann alles kam, habe ich nicht gerechnet. Es waren vier turbulente Jahre, aber mit vielen schönen Momenten.

Was nimmt man davon mit?

Mayer: Vor allem, dass immer Dinge passieren, die man nicht einrechnet. Wie 2011 die Punktabzüge durch die Pleiten von Ulm und Weiden. Wir hatten plötzlich weniger Vorsprung und sind nicht aufgestiegen.

Trauern Sie den verpassten Chancen nach?

Mayer: Auf jeden Fall. In jenem Jahr gab es dann ja das Spiel in Darmstadt. Wir führen 2:0 und verlieren 2:3. Das ärgert mich immer noch für Mirko Dickhaut, der mich geholt hat. Und mich immer unterstützt hat, selbst als er nicht mehr Trainer war. Dass wir es auch 2013 gegen Kiel nicht geschafft haben, das tut weiterhin sehr weh. Ich hätte mit dem KSV so gern einen Aufstieg erlebt. Es wäre so viel möglich gewesen. Am Ende muss ich sagen: In den vier Jahren lag immer eine Art Schatten über dem Auestadion. Ob das die Sache mit Thorsten Bauer war, oder dass wir Meister wurden und trotzdem nicht aufstiegen. Immer wenn wir nah dran waren, lief irgendwas schief.

Was werden Sie vermissen?

Mayer: Das Stadion. So fantastische Spiele wie Heimsiege gegen Darmstadt oder die Eintracht-Amateure. Das Flair in Kassel ist nicht Regionalliga. Das ist Dritte Liga– und an machen Tagen sogar Zweite.

Jetzt können wir es ja sagen: Wir waren manchmal sehr begeistert von Ihnen.

Mayer: Das ist schön, wenn das so ist.

Manchmal haben Sie uns aber auch zur Weißglut gebracht, wenn Sie aus 40 Metern aufs Tor geschossen haben.

Mayer: Aber wer mich kennt, der weiß: Das ist Bobo Mayer. Wer nicht wagt, der gewinnt nicht. Da kann ich auch anecken, wenn einem das nicht gefällt. Manchmal fliegt der Ball halt drüber. Das ist so, wenn man etwas riskiert.

Wenn dann gemurrt wurde, das hat Sie nicht gestört?

Mayer: Ich weiß doch, dass dann gestöhnt wird: der Mayer. Aber ich wollte immer ich bleiben. Und eins ist sicher: Ich bin kein Egoist, sondern ein Teamplayer.

Wird man in diese Art hineingeboren?

Mayer: Als ich aus der Jugend raus bin, da habe ich dieses Rackern und Hinterherrennen schon gehabt. Das Verantwortungübernehmen, das musste sich entwickeln. Privat bin ich eher ein lustiger Mensch. Aber auf dem Platz muss ich auf Temperatur kommen, mich reinkämpfen. Im Zweifel über eine Gelbe Karte.

Von denen gab es einige. Würden Sie gern selbst gegen Bobo Mayer spielen?

Mayer: Eigentlich schon, aber da wären Karten natürlich programmiert.

Wird der Papa Bobo Mayer denn ruhiger?

Mayer: Ich freue mich wahnsinnig drauf. Aber auf dem Platz werde ich mich deshalb nicht verändern. Emotionen sind halt meine Schiene.

Sie haben nie verraten, warum Sie Bobo genannt werden. Jetzt wäre doch ein geeigneter Zeitpunkt.

Mayer: Das kann ich gar nicht. Es hat sich irgendwie eingeschlichen. Wie, dazu gibt es mehrere Geschichten. Fakt ist: In der Gaststätte meiner Eltern waren immer viele Fußballer. Und für die war ich immer der Bobo.

Von Frank Ziemke und Florian Hagemann

Rubriklistenbild: © Schoelzchen

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