Interview: Der verletzte Löwe Tim Welker über den Blick von der Tribüne

Sein bisher letzter Einsatz im Trikot des KSV: Tim Welker im Heimspiel gegen Walldorf am 17. Oktober 2015. Fotos:  Hedler

Kassel. Mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Saarbrücken endet am Samstag für den KSV Hessen Kassel die Hinserie der Fußball-Regionalliga (Anpfiff: 14 Uhr). Diese Hinserie war geprägt von überraschend vielen Punkten für die Löwen, aber auch vom Verletzungspech. Einer, der keine einzige Minute mitwirkte, ist Tim Welker.

Nach einer Knieverletzung, einer chronischen Entzündung der Patellasehne, fehlt er seit Oktober vergangenen Jahres. Nach einer konservativen Behandlung wurde er im Sommer schließlich operiert. Im Interview verrät der 23-Jährige, wie es einem ergeht, der gar nicht spielt.

Tim Welker, Sie waren am Mittwoch beim Spiel des KSV Hessen Kassel in Walldorf. Zu diesem Interviewtermin sind Sie direkt vom Training gekommen. Das klingt eigentlich alles ganz normal. 

Welker: Schön wäre es. Am Mittwoch habe ich die Mannschaft gemeinsam mit Frederic Brill und Sascha Korb als Zuschauer unterstützt. Immerhin waren wir eine Stunde früher zu Hause, und wir brauchen nicht so viel Zeit zur Regeneration. Wir haben halt nicht mitgespielt. Und Training heißt bei mir derzeit immer noch Aufbautraining und Stabilisationstraining fernab der Mannschaft im Fitnessstudio.

Seit einem Jahr nun fallen Sie schon verletzt aus. Fällt es Ihnen schwer, geduldig zu bleiben? 

Wir berichten vom Spiel gegen Saarbrücken ab 14 Uhr im Liveticker.

Welker: Zumindest bin ich nicht unruhiger als vor einem halben Jahr. Ich habe gelernt, die Situation zu akzeptieren. Ich hätte mich auch dafür entscheiden können, mich immer und immer wieder fitspritzen zu lassen. Aber das wäre sicher der falsche Weg gewesen. Ich will, dass die Verletzung vernünftig behandelt wird. Und das erfordert eben Geduld. Wobei ich mich ja nicht zurücklehne. Ich versuche alles zu tun, um schnellstmöglich wieder zurückzukommen.

Was bedeutet das zeitlich?

Welker: Mein Ziel ist es, im Winter wieder in das Mannschaftstraining einzusteigen. Mir geht es auch immer besser: Ich merke, wie sich die Muskulatur mehr und mehr aufbaut und der Schmerz nachlässt. Ich habe zwar noch ein paar Beschwerden im Knie, aber die sind laut Aussage des Arztes ganz normal, nachdem ich im Sommer operiert worden bin.

Kommen einem während einer solch langen Verletzungspause auch mal Zweifel, ob es überhaupt mal wieder klappen wird mit dem Fußball?

Welker: Zweifel nicht. Aber ein Riesen-Frust, der baut sich schon auf - gerade am Anfang, als wir versucht haben, die Verletzung konservativ zu behandeln und es nicht besser wurde. Aber dann ging es mit der Operation im Sommer ja aufwärts.

Fällt es schwer, innerhalb einer solchen Zeit Teil einer Mannschaft zu bleiben?

Welker: Das nicht. Ich habe von Anfang an Kontakt zur Mannschaft gehalten, bin bei fast jeder Trainingseinheit anwesend und auch in der Kabine mit dabei. Deshalb sehe ich mich und alle anderen Verletzten als festen Bestandteil dieser Mannschaft. Es gibt da keine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Aber?

Welker: Natürlich ist es bitter, wenn die Mannschaft nach Spielen abgekämpft auf dem Rasen steht: nass und dreckig. Und man selbst schaut von der Tribüne aus zu. Nach Siegen bin ich wahnsinnig stolz, und ich freue mich. Aber es ist schon was anderes, als wenn man selbst mitgespielt hätte. Auf der Tribüne tut es ein bisschen weh.

Trotzdem fahren Sie mitunter ja auch zu Auswärtsspielen mit - wie am Mittwoch. Drückt das den Teamgeist dieser Mannschaft aus?

Welker: Sicher. Wir Verletzten versuchen ja auch, die Jungs zu unterstützen, so gut es geht. Wir wollen ihnen ein gutes Gefühl geben, indem wir auch vor dem Spiel mit in der Kabine sind. Auf der Tribüne haben wir dann aber keinen Einfluss mehr.

Wie hart ist es, ein Spiel von der Tribüne aus zu verfolgen?

Welker: Ich erwische mich dann dabei, dass ich wie ein Fan das Spiel verfolge - und dann auch mal das Meckern anfange. Oft ärgere ich mich natürlich über den Schiedsrichter. Aber manchmal sieht man von oben auch Möglichkeiten für den einen oder anderen Pass, die man unten auf dem Platz gar nicht wahrnimmt.

Welche Erfahrungen haben Sie nach einem Jahr auf der Tribüne noch gemacht?

Welker: Mir ist aufgefallen, dass in dieser Saison ein ganz anderer Zuspruch herrscht. Die Grundstimmung auf der Tribüne ist positiver, es wird viel geklatscht und nicht gleich gemeckert, wenn es mal nicht so gut läuft. Das gefällt mir, auch wenn es natürlich mehr Zuschauer sein könnten.

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