Wolfgang Knöppel aus Baunatal erinnert sich

Als die Kasseler 1973 für ihren finanzschwachen KSV trommelten

Erinnerungen in der Kellerbar: Wolfgang Knöppel zu Hause in Großenritte. Hier haben auch schon die Handballer vom TV Großwallstadt gesessen, und der Fußball war auch immer präsent. Knöppel hat schließlich viel gemacht, zuletzt war er Masseur beim KSV Baunatal. Foto: Schachtschneider

Baunatal. 83 Jahre ist Wolfgang Knöppel aus Baunatal jetzt alt, die Hüfte macht ihm zu schaffen, er hat einen Herzschrittmacher.

Er sagt, seine Frau habe schon geschimpft mit ihm, dass er sich so aufrege. Aber Wolfgang Knöppel kann nicht anders. Die Sache lässt ihn nicht los.

Es geht um den Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel von heute und von damals. Wolfgang Knöppel liest die Meldungen über die Finanznot der Löwen und denkt an früher, an den 13. Juni 1973 und an diese Kassette, die er schon längst in den Rekorder gelegt hat und gleich abspielen wird. Er denkt: Warum ist heute nicht möglich, was damals Realität war? Warum gibt es heute keinen, der für diesen Fußballklub auf die Straße geht und trommelt?

Audio: Mitschnitt von Wolfgang Knöppel

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Es ertönt dann aus dem Kassettenrekorder Tony Marshall: „Heute hau’n wir auf die Pauke.“ Die Musik bricht ab, und Wolfgang Knöppel ist zu hören. Er spricht: „Wir rufen alle Bürger auf in Stadt und Land, kämpfen Sie für den KSV.“ Und weiter: „Der Verein ist aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage, dieses Unternehmen zu finanzieren. Wir brauchen die Hilfe von Gönnern und Freunden, die nicht wollen, dass das Licht im Auestadion ausgeht. Kassel muss Regionalligastadt bleiben, damit die Fußballfreunde Nordhessens weiterhin im Kasseler Auestadion packende Fußballspiele sehen können und nicht nach Frankfurt oder Hannover reisen müssen.“

„Unterstützen Sie den KSV“

Am Ende appelliert Knöppel: „Unterstützen Sie den KSV Hessen auch durch Ihren Besuch beim Fußball-Freundschaftsspiel gegen Eintracht Frankfurt am heutigen Mittwoch um 18.30 Uhr im Kasseler Auestadion.“ Und: „Mannschaftskapitän Uwe Habedank und Trainer Toni Hellwig rufen Ihnen zu: Lasst uns nicht im Stich. Verhindert, dass Kassel und Nordhessen in die Fußballprovinz absinken.“ Dann kommt wieder Tony Marshall zum Einsatz.

Wolfgang Knöppel drückt auf die Stopp-Taste des alten Rekorders und erzählt, dass er damals, als er noch im Außendienst gearbeitet hat, mit einem Lautsprecherwagen vor das Café Paulus in die Innenstadt gezogen sei und seinen Aufruf gestartet habe. „Das war eine Herzensangelegenheit, ein Wachmacher.“ Insgesamt habe es damals noch Leute gegeben, die sich - und er sagt das so - den Arsch aufgerissen hätten für den KSV. Damals gab es die Aktion: „Kämpfen Sie für den Verein.“ Und heute?

Heute vermisst Wolfgang Knöppel die Hilfsbereitschaft für jenen Klub, bei dem er einst Betreuer und Ordner war und die Handball-Abteilung geleitet hat. Nur den aktuellen Finanzvorstand Dirk Lassen, den findet er gut. „Er macht was. Aber er tut mir leid. Er hat ständig die falschen Leute um sich.“

Seine Tochter, erzählt Wolfgang Knöppel, der vierfache Vater, würde ihm immer sagen: „Papa, das ist heute eine andere Generation.“ Er weiß das, aber er will die Leute wachrütteln, so sagt er es. Und er denkt sich womöglich, warum nicht heute endlich mal einer kommt, eine Kassette mit Tony Marshall aufnimmt, sich vor den Kaufhof stellt und Geld eintreibt für die Löwen. Der Text ließe sich ja von damals übernehmen.

PDF-DOWNLOAD: Die damalige HNA-Ausgabe vom 14. Juni 1973

Hintergrund

Das Spiel 1973 gegen Frankfurt

Das Freundschaftsspiel des KSV Hessen an jenem 13. Juni 1973 endete 6:3 für Frankfurt. Die Überschrift in der HNA am nächsten Tag lautete: "Gegen Kliemann, Krauth kein Kraut gewachsen."

Auch wenn nur 4000 Zuschauer ins Auestadion kamen, ging es für den KSV noch ein Jahr weiter in der Regionalliga, ehe er ein Jahr später die Qualifikation für die 2. Bundesliga verpasste und in die Amateurliga Hessen abglitt.

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