Tobias Cramer über seine Beförderung und Zauberfußball

„Nein, bedauert hat mich niemand“: KSV-Trainer Cramer im Interview

Kassel. Der Co-Trainer wird fortan der Cheftrainer sein beim Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel: Tobias Cramer äußert sich im Interview über seine künftige Aufgabe, die Zusammenstellung des Kaders und den Fußball, der in der nächsten Saison von den Löwen vornehmlich zu erwarten ist.

Herr Cramer, am vergangenen Sonntag kam der Eindruck auf, die Enttäuschung über das Ende der Zusammenarbeit mit Matthias Mink sei größer als die Freude über die eigene Beförderung zum Cheftrainer. Täuschte der Eindruck?

Cramer: Es kam beides zusammen. Ich sehe Matthias Mink als meinen Mentor, von dem ich unheimlich viel gelernt habe. Von daher war ich schon traurig, dass die Zusammenarbeit endet. Aber ich bin auch stolz darauf, dass mich André Schubert und Matthias Mink vor zwei Jahren mit ins Boot geholt haben und ich nun die Arbeit als Cheftrainer fortsetzen darf. Die Freude über die Beförderung überwiegt daher jetzt.

Wussten Sie zu diesem Zeitpunkt schon, dass Matthias Mink Trainer in Steinbach wird?

Cramer: Nein, das kam für mich am Dienstag auch überraschend. Aber nachdem wir am Sonntag miteinander telefoniert hatten, dachte ich mir schon irgendwie, dass wir uns demnächst in der Regionalliga Südwest wiedersehen.

Werden Sie die Arbeit von Matthias Mink fortführen, oder wir nun alles anders?

Cramer: Natürlich werde ich nicht alles anders machen, aber ich bringe einen anderen Charakter in die Mannschaft ein als Matthias Mink.

Sie galten bisher als Spielerversteher.

Cramer: Ja, aber das Rollenverständnis wird sich und muss sich verändern. Ich muss jetzt mehr Zug zeigen. Bisher gehörte es natürlich auch zu meinen Aufgaben, die Probleme mit den unzufriedenen Spielern aufzuarbeiten.

Da hatten Sie zuletzt ja viel zu tun, oder?

Cramer: Das ist wohl wahr, aber wir haben es geschafft, trotz aller Probleme rund um den Verein, die gute Stimmung innerhalb der Mannschaft hochzuhalten und bis zum letzten Spieltag mit Spaß und Ehrgeiz bei der Sache zu sein. Dabei hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass ich viel Einfühlungsvermögen habe.

Haben Sie eigentlich mehr Glückwünsche oder mehr Mitleidsbekundungen erhalten, als bekannt wurde, dass Sie Cheftrainer beim KSV werden?

Cramer: Nein, bedauert hat mich niemand. Im Gegenteil: Es haben mir viele gratuliert – auch viele Kollegen und Weggefährten von früher.

Trotzdem scheinen Sie nicht zu beneiden zu sein. Bisher hat der KSV gerade einmal elf Spieler unter Vertrag. Wie wollen Sie eine schlagkräftige Mannschaft zusammenstellen?

Cramer: Meine Vorstellung ist, zwei, drei Personalien durchzudrücken, ohne jetzt Namen zu nennen. Diese Personalien betreffen Spieler aus dem aktuellen Kader, die bisher noch keinen neuen Vertrag haben, aber für die Mannschaft enorm wichtig sind. Ansonsten verfolge ich die neue Vorgabe des Vereins, verstärkt auf Regionalität zu setzen und Spieler aus der näheren Umgebung zu holen. Am Ende werde ich einen Kader mit 18 Feldspielern und drei Torhütern zur Verfügung haben, der aus regionalligaerfahrenen und entwicklungsfähigen Spielern bestehen wird. Man darf nicht vergessen: Die Regionalliga ist die erste Plattform für junge Spieler.

Und das reicht, um am Ende in der Regionalliga Südwest zu bestehen?

Cramer: Klar ist, dass wir unsere Kräfte bündeln und noch enger zusammenrücken müssen im Verein. Auf persönliche Eitelkeiten können wir zumindest keine Rücksicht nehmen. Aber ich glaube schon, dass wir am Ende nicht schlecht aufgestellt sein werden und in der Regionalliga mithalten können. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass weitere Spieler aus dem aktuellen Kader zu geringeren Konditionen bei uns bleiben. Sie wissen jetzt, was sie erwartet und kein externer Trainer kommt, der alles umkrempelt.

Welchen Fußball werden Sie spielen lassen?

Cramer: Wir werden qualitativ nicht so aufgestellt sein, dass von uns Zauberfußball zu erwarten sein wird. Aber wir werden eine Mannschaft stellen, die über 90 Minuten alles gibt, die hoch motiviert sein und physisch alles mitbringen wird, um zu bestehen. Wir werden Fußball vor allem als Charakterspiel begreifen. Über diesen Weg wollen wir versuchen, guten Fußball zu zeigen und die Zuschauer zurückzugewinnen. Insofern hoffen wir, in einen fußballerischen Flow hineinzukommen. Was aber nicht möglich ist: Fußball komplett mit offenem Visier zu spielen. Das geht in der Regionalliga nicht mehr.

Werden Sie denn auf einen Co-Trainer zurückgreifen können?

Cramer: Selbst wenn unser Torwarttrainer Michael Gibhardt bleibt, brauche ich noch jemanden – zum Beispiel für die Gegneranalyse. Die Suche läuft. Aber auch hier gilt: Wir müssen die Kräfte bündeln. Unser Jugendleiter Karl-Heinz Wolf zum Beispiel wird auch für mich als Ratgeber sehr wichtig sein.

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