Thesen und Erwiderungen

Ausschreitungen beim KSV-Spiel: Wenn Ansichten auseinander gehen

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Alles im Blick: Am Rande des Regionalligaspiels zwischen dem KSV Hessen und Kickers Offenbach stand neben dem Gästeblock vor allem die Nordkurve im Blickpunkt.

Kassel. Es ist viel geschrieben und diskutiert worden nach jenen Ereignissen, die sich am vergangenen Samstag im Auestadion abgespielt haben: in den Medien, in den sozialen Netzwerken, auf der Straße.

Auffallend ist, dass die Fans aus der Nordkurve eine andere Sicht auf die Dinge haben und diese in Kommentaren massiv kundtun.

Die Kritik richtet sich an Polizei, Sicherheitsdienst und Medien. Im Folgenden setzen wir uns mit den Thesen auseinander und sehen dies als Schlusspunkt der Berichterstattung über die Geschehnisse am Rande des Regionalligaspiels zwischen dem KSV Hessen und Offenbach.

1. These: Im Internet heißt es in einem „Blog36“, der sich mit dem KSV Hessen Kassel beschäftigt, zur medialen Berichterstattung: „Es wird sich in bester Oberlehrermanier die heile Fußballwelt einer Langnese-Familienblock-Atmosphäre herbei gewünscht: Zwar irgendwie stimmungsvoll, aber vor allem friedlich, glatt, sauber. (...) Diese Haltung ist aber vor allem eins: naiv und weltfremd. Sie verkennt, dass Fansein schon immer sehr unterschiedlich gelebt wird und Leidenschaften nicht über einen konsumfreundlichen Verhaltenskodex diktiert werden können.“

Die Erwiderung: Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass es unterschiedliche Arten von Fans gibt. Im Gegenteil: Fußballstadien sind Orte für alle, sie leben von der Stimmung, die gerade von den Fans aus den Kurven erzeugt wird. Das ist auch in einem Kommentar unserer Zeitung deutlich zum Ausdruck gekommen. Darin heißt es: „Toll, wenn aus gut besuchten Fankurven dauerhaft Schlachtengesänge ertönen. Viel zu selten erleben wir das im Auestadion.“

Selbst die plumpen Gesänge werden im Kommentar toleriert: „Dass beiden Seiten nichts Witzigeres einfällt, als in jedem zweiten Gesang über die gegnerischen ,Hurensöhne’ zu höhnen – Schwamm drüber. Das sind Mätzchen. Nicht mehr.“

Die Toleranz gegenüber den Aktionen der Fankurve ist wirklich groß – auch aus dem Wissen heraus, dass die Kurven für den Fußball wichtig sind. Nur: Das Handeln erreicht dann eine Grenze, wenn sich die Fans nicht an die elementarsten Regeln halten. Auch wenn nur ein Teil auf die Tartanbahn läuft, ist diese Grenze überschritten.

2. These: Versagen des Sicherheitsdienstes. Wieso zum Beispiel konnte diese große Menge an geklauten Zaunfahnen in den Offenbacher Block gelangen? Wieso durften die Offenbacher Fans mit diesem Spruchband eigentlich in den Block?

Die Erwiderung: Die für die Eingangskontrollen zuständige Sicherheitsfirma hat dazu bei Facebook einen Kommentar abgegeben. Aus Vereinskreisen ist zu hören, dass es Gespräche zur Aufarbeitung geben wird, bei denen die Einlasskontrollen besprochen werden, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Bei der Bewertung des Spruchbanners („Die Fahnen seid ihr trotzdem los“) scheint es durchaus unterschiedliche Meinungen zu geben. Offenbar falsch war unsere Schilderung, dass die Fahnen im Block zerissen wurden. Das Einschmuggeln solcher Stoffteile in den Block verhindern, hieße aber wohl auch: Ausziehen bis auf die Unterhose. Kann es das sein? Würden die Fans, auch die Kasseler, das wollen?

3.These: Medien und Polizei betreiben eine hysterische Kommentierung der Ereignisse.

Die Erwiderung: Es lässt sich über die eine oder andere Wahl eines Wortes in der Berichterstattung und im Polizeibericht streiten, wenn von „Platzsturm“ und „Drängen“ der Polizei die Rede ist. Das ändert aber nichts daran, dass das Verhalten der Fans scharf zu verurteilen ist. Das ist dann keine Hysterie, sondern das klare Benennen eines Fehlverhaltens, welches dazu geführt hat, dass viele Eltern mit ihren Kindern vorzeitig das Stadion verlassen haben – aus Sorge. Dazu eine SMS eines langjährigen KSV-Anhängers, der auch in der Nordkurve steht, allerdings in einem anderen Block als die Ultras: „Wenn in unserem friedlichen Block ein acht-/neun- oder zehnjähriges Mädchen angesichts von rennenden Polizisten, Lautsprecherdurchsagen und einem unterbrochenen Viertligaspiel weint und mit Papa nach Hause will, dann stimmt etwas nicht.“ In einer anderen Mail heißt es: „Ich war mit meinem Sohn auf der Osttribüne und bin bei der Unterbrechung vorzeitig nach Hause gefahren. Schade, dass es zu viele Chaoten gibt.“ Darüber sollten die Fans, die auf die Tartanbahn liefen, einmal nachdenken. Aber ihnen fehlt die Einsicht, etwas Verbotenes getan zu haben.

Auch der Verein beschäftigt sich mit der Aufarbeitung. Und streicht dabei heraus, dass es viele Reaktionen von Besuchern der Osttribüne gibt. Pressesprecherin Alexandra Berge sagt: „Es darf nicht sein, dass die Osttribüne bei Risikospielen zur Gefahrenzone wird.“

4. These: Überwiegend Fans aus der Nordkurve halten in vielen Kommentaren den Einsatz der Polizei für unverhältnismäßig. Dabei heißt es häufig auch, dass Frauen und Kinder beim Einsatz von Pfefferspray verletzt worden seien.

Die Erwiderung: Wir haben mehrfach nachgefragt. Dem Verein bekannt ist der Fall einer 14-Jährigen aus dem Fanblock. Ansonsten gab es keine Meldungen. Auch Anfragen bei Facebook blieben ohne konkretes Ergebnis. Der zuständige Sanitätsdienst darf mit Hinweis auf die Schweigepflicht keine genauen Angaben machen. Fakten sind also nicht zu schaffen. Auf den „Beweisvideos“ ist vor allem zu sehen, dass es zum Sprayeinsatz kommt, als ein Fan erneut versucht, den Zaun zu überklettern.

Unsere Einschätzung: Ja, die Beamten sollten schon hinterfragen, ob anschließend nicht zu wahllos gesprüht wurde. Aber: Wer unschuldig getroffen wurde, völlig egal ob Kind oder Erwachsener, müsste in erster Linie auf die sauer sein, die den Einsatz mit ihrem Sturm auf die Laufbahn heraufbeschworen haben. Die Vorwürfe tragen so auch Spuren von Ablenkungsmanövern.

5. These: Die reine Berichterstattung über das Spiel kommt zu kurz. Jörg Vater aus Kassel schreibt uns in einem Leserbrief unter anderem: „70 Prozent der Berichterstattung befassen sich mit der Randale einiger weniger schlichter Gemüter. ... Was in diesem Gedöns leider untergeht, ist, dass der KSV eine junge Mannschaft voller Herzblut besitzt, die mir den Besuch im Auestadion bereits mehrfach zu einem tollen Erlebnis gemacht hat.“

Die Erwiderung: In unserer Berichterstattung unmittelbar nach dem Ereignis konnte der Eindruck entstehen. Die Verknüpfung von Eklat, Polizeibericht und Spielbericht war nicht glücklich, weil Trennlinien verschwammen.

In der gedruckten Ausgabe am Montag aber gibt es einen Spielbericht und zusätzlich einen über die Hilfsaktion des Schiedsrichters für den bewusstlosen Offenbacher Türhüter. Dass Aufmachung und Kommentar den Ereignissen gelten müssen, die das Spiel an den Rande das Abbruchs geführt haben, steht aus journalistischer Sicht aber außer Frage. Die sportliche Leistung wurde nicht in der Berichterstattung an den Rand gedrückt, sondern im Stadion. Das war auch deutlich spürbar am Ende der Partie, als die meisten Zuschauer trotz des Derbysieges das Auestadion ganz schnell verlassen hatten.

Und damit soll es dann auch ein Ende haben mit der Berichterstattung zu den Geschehnissen des Samstags. Ab morgen steht der Sport im Mittelpunkt – mit Gründen, warum der KSV trotz seiner Personalnot so stark ist.

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