Kolumne "Mensch läuft"

Marathon-Norm, Härtefälle und ein Weihnachtswunsch an den DLV

Lisa Hahner war in diesem Jahr auch beim 16. Hersfelder Lollslauf am Start. Die Marathon-Norm für Olympia verpasste sie in Frankfurt nur um neun Sekunden.

Einen besonderen Weihnachtswunsch sendet unser laufender Kolumnist Jens Nähler pünktlich vor Heiligabend an den Deutschen Leichtathletik Verband (DLV). Weihnachten ist schließlich keine Zeit für Härtefälle...

Als Läufer sieht man besonders gern nach hinten. Wirft einen Blick in Richtung der Sportler, die man so alles überholt hat. Der Blick nach vorn ist eher respektvoll: Schon im Amateurbereich sind da Läufer, deren Niveau man nie erreichen wird. Dann gibt es da noch die Topathleten. Mit Leistungen, für die man nur ungläubiges Staunen aufbringen kann. 

Die Deutschland aber international nicht vertreten dürfen.

Florian Orth war einer von ihnen in diesem Jahr. Einer, der Zeiten läuft, die für normalsterbliche Läufer, zu denen ich mich zähle, schier unerreichbar sind. Der Athlet aus Treysa hatte im Sommer zwar die internationale Norm über 1500 Meter geschafft - jedoch die des DLV knapp verpasst.

Knapp bedeutete in seinem Fall eine halbe Sekunde. Auf 1500 Meter. "Das ist nichts", klagte er später in einem HNA-Interview über seine Nichtnominierung für die WM in Peking. 

Was natürlich so nicht ganz stimmt.

Geostationäre Satelliten beispielsweise befinden sich 35.786 Kilometer über dem Äquator. Um bei Telefon- oder Fernsehsignalen auf diesem Weg eine Antwort zu erhalten, muss das Signal mindestens 144.000 Kilometer zurückgelegt haben: vom Sender zum Satelliten, dann zum Empfänger, anschließend erfolgt die Antwort, und das Signal läuft den gleichen Weg zurück. Dieser Vorgang benötigt eine reine Laufzeit von etwa einer halben Sekunde.

Nur damit Sie wissen, worüber wir hier sprechen.

3 Minuten und 35 - genau 35,5 Sekunden (!) - schnell hätte Orth sein müssen, um nach Peking zu dürfen. Am Ende standen 3:36,05 Minuten auf der Uhr. Was immer noch einem Tempo von 25 km/h entspricht oder, wie dem interessierten Laien Temporechner im Internet verraten: Orth war "nur" 0.71-mal so schnell wie ein Leguan.

Und damit zu langsam für den DLV. Kopfschütteln.

Kopfschütteln unter vielen Sportlern auch zum Ende der Saison. Peking ist durch, jetzt geht es um Olympia in Rio. Und um eine Distanz, die deutlich mehr Breitensport ist als Orths 1500 Meter: der Marathon.

Zehntausende Läufer treten Jahr für Jahr an bei den fünf großen Läufen in Berlin, Frankfurt, Hamburg, München und Köln - bei kleineren Laufevents wie in Kassel sind Tausende über die volle oder halbe Distanz am Start. 42,195 Kilometer totaler Lauf für die Massen. Breitensport-Begeisterung. Ein Traum für viele, ein Albtraum für andere.

Für Philipp Pflieger und Lisa Hahner ist er wohl irgendwie etwas von beidem. Pflieger verpasste in Berlin die Norm mit 2:12:50 Stunden um 35, Hahner in Frankfurt mit 2:28:39 Stunden nur um neun Sekunden. Beide in einem Jahr, in dem Arne Gabius mit einem neuen deutschen Rekord dieser Distanz nicht nur neue Faszination eingehaucht hat, sondern auch für erhebliches Publikumsinteresse sorgte.

Neun Sekunden auf einem Marathon! Im August brauchte Hoffenheims Kevin Volland so lange, um das 1:0 gegen die Bayern zu erzielen. Das war Bundesliga-Rekord und so schnell, dass sich viele Fans noch nicht einmal das erste Bier zum Anpfiff hatten öffnen können. In Lisa Hahners Frankfurt-Tempo entspricht das gerade mal etwas mehr als 40 gelaufenen Metern. In etwa so lang, um in der Fußball-Kneipe das Bier wieder wegzubringen und auf seinen Platz zurückzukehren. 

Deutschlands Langstreckler stark wie nie - und doch nur mit Gabius in Olympia dabei? Wie war das mit dem olympischen Gedanken?

Kein Wunder, dass die großen deutschen Marathonveranstalter und die Vereinigung der deutschen Straßenläufe fordern, dass die schwere Norm gekippt wird und die besten drei Männer und Frauen nominiert werden. Umso verständlicher zu einer Zeit, in denen sich die Leichtathletik mit immer neuen Doping-Enthüllungen konfrontiert sieht.

Der DLV hingegen verweist darauf, dass bis zur Nominierung am 1. Mai ja noch die Möglichkeit besteht, sich bei einem Frühjahrsmarathon zu qualifizieren. Eine positive Härtefall-Entscheidung trotz verpasster Norm würde noch später im Jahr fallen. Um dann in Rio Topleistungen abliefern zu können? Stur nach dem Motto: "Wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische, obwohl unmöglich, unweigerlich richtig."?!?

Lieber DLV, heute ist Weihnachten. Das wäre doch eine wunderbare Gelegenheit, diese tollen Läufer und ihre Fans zu bescheren. Das ist zumindest mein Weihnachtswunsch des Jahres, als Läufer für Läufer und diesen wunderbaren Sport. Dann klappt's vielleicht auch mit den Einschaltquoten in Rio.

Frohes Fest, möge die Norm am Ende mit euch sein!

P.S.: Wenn es heute nicht klappt, darf's dann gern auch der gute Vorsatz für 2016 sein. 

Über den Autor

"Mensch läuft" ist die Kolumne eines Läufers für andere Läufer - und solche, die es noch werden wollen. Jens Nähler (42) ist Redakteur der HNA und erst mit 39 über die Staffel seines Arbeitgebers zum Laufen gekommen. Mittlerweile läuft er Marathon und bereitet sich auf den zehnten Kassel Marathon und ein 100-Kilometer-Rennen in 2016 vor.

Hier erzählt er Schritt für Schritt, wie's läuft.

Links zum Thema:

Orth darf nicht zur WM: Leichtathletik-Verband pocht auf eigene Norm

Marathon-Olympia-Nominierung: Bleiben die Läufer auf der Strecke?

Olympia-Marathon: DLV wird Normen nicht ändern

Wikipedia-Artikel: Lichtgeschwindigkeit

Pace-Rechner für Läufer

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