Jetzt legen die EM-Helden los

Deutsche Handballer starten Sonntag mit Spiel gegen Schweden ins olympische Turnier

Kassel. Wer in diesen Tagen aufmerksam das Geschehen auf der Facebook-Seite von Handball-Fachmann Stefan Kretzschmar verfolgt, der bekommt reihenweise Fotos von den Sommerspielen 2004 in Athen präsentiert.

Kretzschmar war selbst als Spieler dabei, als die deutsche Nationalmannschaft in Griechenland Silber gewann.

Dass der TV-Experte in seinen Alben gekramt hat, kommt nicht von ungefähr. Zwölf Jahre nachdem es zum letzten Mal Edelmetall für die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) bei einem olympischen Turnier gab, gehört die Mannschaft wieder zu den Favoriten. Kurios: Auch 2004 war das Team als amtierender Europameister angetreten.

Wenn die Schützlinge von Bundestrainer Dagur Sigurdsson am Sonntag ab 16.30 Uhr unserer Zeit (live im ZDF) auf Schweden treffen, wird etwas allerdings anders sein: Die Bad Boys, wie sie seit dem EM-Triumph Anfang des Jahres in Polen gerufen werden, laufen mit einer Mannschaft auf, von der kein einziger Spieler Olympia-Erfahrung vorweisen kann. Der isländische Coach sieht das nicht als Problem: „Viele haben eine Super-Saison hinter sich, die anderen sind hungrig.“ Der Stern von Torwart Andreas Wolff ging bei der Europameisterschaft auf, Kapitän Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki und Hendrik Pekeler wurden mit den Rhein-Neckar Löwen erstmals Deutscher Meister, und Tobias Reichmann triumphierte mit dem polnischen Klub Kielce in der Champions League.

Im Vorfeld der Spiele mussten sich sämtliche Teilnehmer mit fünf neuen Regeln auseinandersetzen, sie seit dem 1. Juli im Welthandball Gültigkeit besitzen. „Dagur hat so einiges vor, wie ich gehört habe“, erklärt Michael Müller. Der Nationalspieler vom Bundesligisten MT Melsungen, der für Rio nicht nominiert wurde, steht in gutem Kontakt zu einigen Kollegen in Brasilien. Denkbar etwa, dass der Isländer Sigurdsson noch mehr die Möglichkeit des siebten Feldspielers in sein Konzept einbezieht.

• Wir haben uns mit den Profis des Bundesligisten MT Melsungen die veränderten Regeln etwas genauer angesehen und Spieler und Verantwortliche der MT anschließend um eine Einschätzung gebeten.

DER 7. FELDSPIELER 

Das ändert sich: Dass eine Mannschaft mit sieben Spielern angreift, ist an und für sich nichts Neues im Handball. Bundestrainer Dagur Sigurdsson nutzt beispielsweise dieses taktische Mittel schon einige Zeit für die Nationalmannschaft. Neu ist allerdings, dass sich der siebte Mann kein Leibchen mehr überstreifen muss, wenn er für den Torwart eingewechselt wird.

Das sagen die Betroffenen: „Ich frage mich wirklich, warum dies jetzt so gemacht wurde. Dadurch wird sich das Spiel komplett verändern“, sagt Regisseur Patrik Fahlgren von der MT Melsungen. Er rechnet damit, dass einige Teams nun permanent bei Unter- und Gleichzahl einen zusätzlichen Mann für die Offensive einsetzen. Kapitän Michael Müller weist darauf hin, dass bisher der Mann mit dem Leibchen „weniger angefasst wurde, weil jeder wusste, dass dieser Spieler gleich zur Bank laufen muss und nicht aufs Tor werfen wird“. Nun sei nicht auszumachen, wer diesen Part beim Gegner übernehme.

VERLETZTER SPIELER

Das ändert sich: Bislang durfte ein Handballer sofort wieder mitspielen, nachdem er sich auf dem Feld verletzungsbedingt behandeln lassen musste. Künftig muss dieser durch einen anderen Kollegen ersetzt werden und drei Angriffe pausieren, ehe er wieder eingesetzt werden darf.

Das sagen die Betroffenen: Auch bei dieser Regel ist nach Einschätzung von Michael Müller einiges nicht vollkommen klar. „Man stelle sich doch mal Folgendes vor: Im ersten Angriff verletzt sich Spieler A, muss behandelt werden und raus, im nächsten dann Spieler B, muss ebenfalls behandelt werden und raus - wer will das alles im Blick haben?“ Weitere Probleme befürchtet Müller noch in einem anderen Punkt: „Was passiert, wenn der Schiedsrichter den Physiotherapeuten kommen lässt, auch wenn er vielleicht gar nicht benötigt wird?“

ZEITSPIEL 

Das ändert sich: Entwickelt eine Mannschaft nicht genügend Druck oder sucht sie nicht zeitig den Abschluss, dann hebt der Schiedsrichter den Arm: Das Zeichen dafür, dass er demnächst Zeitspiel ahndet. Wann der Zeitpunkt gekommen ist, um den Angriff abzupfeifen und auf Ballbesitz für das verteidigende Team zu entscheiden, erschloss sich den Beteiligten und den Zuschauern bisweilen nicht. Jetzt ist es so, dass noch sechs Pässe erlaubt sind - dann muss abgeschlossen werden.

Das sagen die Betroffenen: Melsungens Kapitän Michael Müller sieht noch einige offen Fragen: „Es muss genau definiert werden, was nun genau als Pass gilt. Was ist denn etwa, wenn der Ball rollt?“ MT-Assistenzcoach Mile Malesevic erwartet, dass viele Teams nach dem passiven Vorwarnzeichen schnell einen Freiwurf herausholen wollen: „Das bedeutet, dass ein Torwart nun häufiger Bälle aus solchen Situationen aus acht, neun Metern halten muss. Die Absprache mit den Vorderleuten muss stimmen, es muss klar sein, wer welche Ecke abdeckt.“

BLAUE KARTE 

Das ändert sich: In der Vergangenheit fragten sich die Fans nach besonders schweren Vergehen eines Spielers, die eine Rote Karte zur Folge hatten, ob dem Sünder eine Sperre droht oder ob er nur für den Rest der laufenden Partie zuschauen muss. Zeigen die Unparteiischen jetzt erst den Roten und sofort danach den Blauen Karton, steht fest, dass die Disziplinarkommission Ermittlungen aufnimmt und eine heftigere Strafe in Erwägung gezogen wird.

Das sagen die Betroffenen: „Ich denke“, sagt MT-Rückraumschütze Momir Rnic, „dass es für die Zuschauer gut ist, wenn es dieses optische Signal gibt. Für die Spieler ist es nicht von Belang.“

LETZTE SEKUNDEN 

Das ändert sich: In der Bundesliga war folgende Regel bereits in der Erprobung: Begeht ein Verteidiger eine grobe Regelwidrigkeit in der Schlussminute, bekommt er die Rote Karte unter die Nase gehalten und der Gegner einen Siebenmeter zugesprochen. Ab dieser Saison gilt die Regel für die letzte halbe Minute.

Das sagen die Betroffenen: Bei der MT haben sie mit dieser Regel schon Erfahrungen gemacht. Im Pokal-Viertelfinale flog Timm Schneider vom Feld, und Uwe Gensheimer traf vom Siebenmeterpunkt für die Rhein-Neckar Löwen zum Sieg. Da diese Regel aber nicht für diesen Wettbewerb Gültigkeit hatte, gab es ein Wiederholungsspiel. „Ich finde sie gut“, sagt Mile Malesevic, „für die Mannschaften bedeutet es aber, dass sie wirklich bis zur allerletzten Sekunde hochmotiviert sein müssen.“

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