Ex-Nationalspieler bewertet Entwicklung der MT Melsungen

Handball-Experte Stefan Kretzschmar: „Ich schätze die Müllers sehr“

Führungskräfte im Team der Melsunger: Die Zwillinge Michael (links) und Philipp Müller. Foto: Fischer

Kassel. Erst Einzug ins Europapokal-Viertelfinale, dann in der Handball-Bundesliga zum Höhenflug angesetzt – die MT Melsungen hat in den vergangenen Monaten für viel Aufsehen gesorgt.

Das sieht auch Stefan Kretzschmar so, der Handball-Experte des TV-Senders Sport 1. Im Interview erklärt der 42-Jährige, weshalb er die Müller-Zwillinge so schätzt und warum MT-Coach Michael Roth „für mich der ideale Trainer“ gewesen wäre.

Ganz ehrlich: Hätten Sie einen solchen Verlauf der Bundesliga-Hinrunde erwartet? 

Stefan Kretzschmar: Nein, das habe ich nicht. Ich glaube, dass sich die Liga wieder mehr und mehr zu einem spannenden Unterfangen entwickelt. So viele Überraschungsteams wie dieses Jahr gab es lange nicht. An der Spitze pendelt es sich allerdings so ein, dass die großen drei wieder ganz vorn sind. Über eine ganze Runde setzt sich eben doch Qualität durch.

Welche Mannschaft hat Sie bislang am meisten überrascht? 

Kretzschmar: Bis vor einigen Wochen war Melsungen die allergrößte Überraschung für mich. Allerdings spielt auch Wetzlar eine überragende Saison. Gleiches gilt für den HSV. Den Hamburgern hatte ich sportlich ganz schwere Zeiten vorausgesagt. Doch Michael Biegler hat das dort als Trainer prima hinbekommen und das Team super weiterentwickelt.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der MT in diesem Jahr? 

Kretzschmar: Für Außenstehende ist eines schon mal schön zu erkennen: Da steht eine richtige Mannschaft auf dem Feld. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Die MT bietet einen attraktiven Handball, was auch die Menschen in der Region honorieren. Die Leistungen ziehen die Fans in den Bann. Mir macht das viel Spaß, die Spiele der Melsunger zu kommentieren.

Wie schätzen Sie die Personalpolitik der Melsunger ein? 

Stefan Kretzschmar

Kretzschmar: Da gibt es keine Abzocker-Gang mehr, die durch Spielerberater dorthin gebracht wurde. Die Spieler wurden durchdacht aussortiert, der Kader auf den Positionen entsprechend verstärkt. So gesehen kommt der Erfolg auch nicht überraschend. Die Müller-Zwillinge, die ich ja selbst gut kenne, sind der Dreh- und Angelpunkt. Zwei tadellose Profis, die nie verlieren wollen.

Klären Sie uns auf: Was halten Sie von den Müllers? In der Vergangenheit kamen sie bei Ihnen mal positiv, mal negativ weg. 

Kretzschmar: Ich schätze die beiden sehr. Das nehmen mir auch viele übel. Aber ich hätte zu meiner aktiven Zeit die Müllers gern in meiner Mannschaft gehabt und wäre mit ihnen in die Schlacht gezogen. Die Jungs haben keine Angst, sind kompromisslos und gehen in jedes Spiel, als wenn es das letzte wäre. Teilweise schauspielern sie allerdings auch etwas im Angriff. Doch das gehört nun mal zu ihrem Spiel dazu.

Welche Spieler prägen darüber hinaus diese Mannschaft? 

Kretzschmar: Mit Rnic und Maric hat sich die MT in den letzten Jahren gut verstärkt. Torwart Sjöstrand blüht wieder auf, seit er von Kiel weg ist. Die Flügelzange genügt hohen Ansprüchen. Und Felix Danner ist für mich eine Institution. Das ist einer der besten Kreisläufer Deutschlands. Den einen oder anderen Melsunger möchte man gern auch in der deutschen Auswahl sehen.

Rechtsaußen Johannes Sellin ist zurzeit in Top- Verfassung. 

Kretzschmar: Sellin wird nach dem Ausfall von Patrick Groetzki zusammen mit Tobias Reichmann einen guten Job auf der rechten Seite machen. Reichmann hat man seit seinem Wechsel nach Kielce nicht mehr so auf dem Radar, spielt aber in Polen Champions League. Das tut ihm gut.

Eine hohe Meinung haben Sie offenkundig von MT-Coach Michael Roth. Was zeichnet ihn aus Ihrer Sicht als Coach aus? 

Kretzschmar: Für mich selbst wäre das der ideale Trainer gewesen. Nicht nur, weil er über die eine oder andere Eskapade von mir hinweggesehen hätte. Michael Roth ist ein wahnsinnig sympathischer Typ. Er hat meinen vollen Respekt für das, was er da in Melsungen systematisch aufgebaut hat.

Was fehlt dem Team noch, um in die Phalanx der großen drei Klubs der Liga einzubrechen? 

Kretzschmar: Das Beispiel Rhein-Neckar Löwen zeigt, dass sich Mannschaften gut einspielen müssen. Die Löwen haben zudem in Andy Schmid den überragenden Spielmacher, den man erst einmal finden muss. Melsungens toller Mannschaft fehlt noch dieser Ausnahmespieler. Wenn die MT aber ihren Weg ruhig weitergeht und noch den einen oder anderen Klasseakteur verpflichtet, dann spielt sie vielleicht in ein, zwei Jahren um die Deutsche Meisterschaft mit.

Welche Platzierung trauen Sie der MT am Ende dieser Spielzeit zu?

Kretzschmar: Der vierte Platz ist realistisch. Aktuell sehe ich kein Team dahinter, das besser ist. Allerdings muss man abwarten, was nach der EM-Pause passiert, welche Spieler sind dann verletzt. Da kann es dann sogar für Melsungen noch bis auf den dritten Platz gehen.

Stefan Kretzschmar, 42 Jahre alt, trug mehr als 200-mal das deutsche Nationaltrikot. Mit dem SC Magdeburg gewann der gebürtige Leipziger 2002 die Champions League. 2007 erklärte er seinen Rücktritt vom Handball. Einige Monate fungierte er danach als Sportdirektor des SCM. Seit 2009 ist er Handball-Experte bei Sport 1. Er hat mit der Kubanerin Maria, die er zweimal heiratete, zwei Kinder. Zurzeit ist er liiert.

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