Melsunger Nationalspieler Sellin lobt Stimmung im deutschen Team

Kassel. Die Anspannung wächst. Am Samstag ab 18.15 Uhr (live im ZDF) steigt die deutsche Handball-Nationalmannschaft mit dem Schlager gegen Spanien in das Europameisterschaftsturnier ein.

Für Johannes Sellin von der MT Melsungen ist es nach der WM in Katar das zweite Großereignis in seiner Karriere. Eigentlich wären es zwei Melsunger in Polen, doch Michael Allendorf musste wie einige andere Spieler verletzt absagen. Der 25-Jährige äußert sich im Interview auch über Box-Erfahrungen, Brettspiele und den kleinen Grenzverkehr.

Herr Sellin, wie ist es um Ihre rechte Gerade bestellt?

Johannes Sellin: Um was? Das müssen Sie mir erklären.

Beim ersten Vorbereitungslehrgang in Berlin mussten Sie und die Kollegen an die Sandsäcke. Wie kam das an?

Sellin: Ach so, ja. Das hat Spaß gemacht. Es war mal was Neues als immer nur Handballtraining. Einige haben sich auch ein Kissen vor den Körper geschnallt, auf das dann ein anderer drauf los geboxt hat. Es ging also nicht nur gegen den Sandsack.

Dann haben die verletzungsbedingten Ausfälle die Stimmung im Team nicht getrübt?

Sellin: Es ist schade, dass wichtige Spieler fehlen, aber wir werden die Ausfälle nicht als Ausrede nehmen. Wir haben auch so einen breiten Kader und eine gute Truppe, auch wenn wir unser letztes Vorbereitungsspiel gegen Island am Sonntag in Hannover verloren haben. Das war aus meiner Sicht aber gar nicht so schlimm. So sind wir noch mal auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen. Es lief bis dahin schon fast zu glatt.

Wo steht denn das Team leistungsmäßig?

Sellin: Wir haben eine sehr junge Mannschaft - die Leistungen schwanken da doch noch extrem. Gegen Island haben wir zehn Hundertprozentige nicht verwertet und hatten noch acht technische Fehler. So etwas darf uns bei der EM nicht passieren.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz der Vorbereitung aus?

Sellin: Das Training lief soweit okay. Die Spiele auch - bis auf das am Sonntag, aber da war auch bis auf Rune Dahmke keiner von uns wirklich gut. Die Krönung war für mich natürlich der Auftritt zu Hause. Ich bin zufrieden, aber es geht auf jeden Fall noch besser.

Was überwiegt denn jetzt, Vorfreude oder Nervosität?

Sellin: Ich hatte das Glück, Anfang 2015 die WM zu spielen. Ich freue mich daher extrem auf das nächste große Ereignis. Wenn es los geht, wird man allerdings die Nervosität spüren.

Was ist das Charakteristische eines solchen Turnieres?

Sellin: Man geht schon anders ran als bei einem Freundschaftsspiel. Man weiß: Spielst du schlecht, dann kann es ganz schnell vorbei sein. Zudem ist die mediale Aufmerksamkeit größer. Das war bei der WM schon auffällig. Jeden zweiten Tag war Pressetermin. Da warten nicht fünf bis zehn Journalisten, sondern 35.

Droht bei einem solchen Turnier kein Lagerkoller?

Sellin: Nein, der ist bei uns nicht zu befürchten. Wir sind jetzt schon viele Tage zusammen - und da hat man nicht das Gefühl, dass man von dem Team weg will.

Was nehmen Sie an persönlichen Sachen mit, um mal auf andere Gedanken zu kommen?

Sellin: Ich denke sowieso nicht ständig an Handball. Wir schauen uns zur Entspannung Filme an. Ich selbst gehöre einer Brettspielgemeinschaft mit Finn Lemke, Hendrik Pekeler und Fabian Wiede an. Wir spielen Siedler, Risiko und Skat.

Wer siegt bei den Siedlern?

Sellin: (reckt die Arme hoch)

Sellin, der Stratege. Welche Erwartungen haben Sie denn an Ihre zweite Teilnahme bei einem großen Turnier?

Sellin: Um persönliche Ziele geht es hier nicht. Wir als Mannschaft haben aber hohe Erwartungen, auch wenn wir mit Spanien, Schweden und Slowenien wohl die schwerste Gruppe erwischt haben. Aber wenn wir nicht geil auf Erfolg sein sollten, brauchen wir nicht nach Polen zu reisen. Der Einzug in die Hauptrunde sollte das Minimalziel sein.

Es ist nicht Ihr erstes Länderspiel dort. Stichwort Playoff-Spiele.

Sellin: Stimmt, daran habe ich positive und negative Erinnerungen. Negative, weil wir gescheitert sind. Positive, weil in Polen 10 000 Menschen 60 Minuten sich förmlich die Lunge aus dem Leib geschrien haben. Auf diese Atmosphäre freue ich mich wieder.

Sie stammen von der Insel Usedom - Ihre Eltern leben in Zirchow, recht nah an der Grenze zu Polen. Welche Beziehung haben Sie zum Nachbarland?

Sellin: Meine Mutter fährt regelmäßig mit dem Fahrrad rüber. Ich selbst nur, um günstig zu tanken. In der Schule hatte ich bilingualen Unterricht, in der siebten und achten Klasse habe ich daher ein bisschen Polnisch gelernt.

Dann wissen Sie, was „Ich will Europameister werden“ auf Polnisch heißt?

Sellin: Nein, ich kann leider nur noch Hallo und Guten Tag sagen.

Zur Person: Johannes Sellin (25), der in Wolgast geboren wurde , spielt seit Sommer 2013 für den Handball-Bundesligisten MT Melsungen. 2007 war er von seinem Heimatverein HSV Insel Usedom zur SG Spandau/Füchse Berlin gewechselt und gehörte ab der Saison 2009/2010 dem Erstliga-Kader der Füchse an. Der Rechtsaußen wurde 2011 Weltmeister mit den U 21-Junioren. Für die A-Nationalmannschaft bestritt er mittlerweile 42 Spiele. Der 25-jährige Sellin lebt mit seiner Freundin Melsungen.

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