Johannes Sellin von der MT Melsungen

Interview: Über einen Handball-Europameister, der nicht mit nach Rio darf

Da war er noch mittendrin: Johannes Sellin (Nummer fünf) gewann im Januar mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft in Polen EM-Gold. Für die Olympischen Spiele in Rio wurde er nicht berücksichtigt. Foto: dpa

Handball-Europameister Johannes Sellin von der MT Melsungen ist nicht für die Olympischen Spiele nominiert worden. Über seine Sicht der Dinge sprachen wir mit dem 25-Jährigen.

Noch vor einem Jahr wäre es schon eine Überraschung gewesen, wenn sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft überhaupt die Teilnahme an den Olympischen Spielen gesichert hätte. Nun gilt sie in Rio als Mitfavorit, nachdem das Team des isländischen Bundestrainers Dagur Sigurdsson im Januar in Polen Europameister wurde.

Aus dem EM-Kader wurden einige Akteure gestrichen – darunter Rechtsaußen Johannes Sellin. Wir haben mit dem 25 Jahre alten Torjäger der MT Melsungen über seine Nicht-Nominierung und die Aussichten des deutschen Teams gesprochen.

Am 7. August startet das olympische Männerturnier – ohne den Handball-Europameister Johannes Sellin. Wie sehr beschäftigt Sie dieses Thema überhaupt?

Johannes Sellin: Dass ich nicht nominiert wurde, liegt ja schon einige Tage zurück. Ich denke also nur daran, wenn mich die Leute darauf ansprechen. So ist nun mal der Sport. Mein Hauptaugenmerk gilt nun erst mal ganz der MT. Wir haben mit dem Team eine harte Saison vor uns. Da muss ich mich auch beweisen. Mein Vertrag läuft nach der Serie aus.

Rio wäre für Sie etwas Besonderes gewesen?

Sellin: Es wäre schön gewesen, weil die Familie meiner Freundin aus Rio stammt. Mir bleibt nur eines: weiter hart an mir zu arbeiten, damit ich bei den nächsten großen Turnieren dabei bin.

Das klingt nach einer Trotzreaktion. Keine Spur von Enttäuschung mehr?

Sellin: Ich habe mit Familie und Freunden darüber geredet. Wer mich kennt, der weiß, dass es mich mächtig wurmt, keine Chance bekommen zu haben. Ich hätte mir gewünscht, ich wäre noch einmal zu einem Vorbereitungslehrgang eingeladen worden, es hätte zumindest eine Art Konkurrenzkampf gegeben. Das hätte wahrscheinlich nichts an der Entscheidung des Bundestrainers geändert, hätte mir aber ein besseres Gefühl gegeben.

Hat denn Dagur Sigurdsson überhaupt noch einmal Kontakt mit Ihnen aufgenommen?

Sellin: Mein Vater hat noch vor mir im Internet gelesen, dass ich nicht nach Brasilien darf. Er hat mich dann angerufen und gefragt, warum ich es ihm noch nicht erzählt habe. Dabei wusste ich es noch gar nicht.

Wie intensiv werden Sie die Spiele verfolgen?

Sellin: Wenn ich Zeit habe, werde ich die Partien im TV schauen. Es ist immer noch mein Team. Ich fiebere mit, ich hatte schon schöne Zeiten mit den Jungs.

Inwieweit gibt es bei Ihnen privat einige Gewissenskonflikte?

Sellin: Grundsätzlich drücke ich den Deutschen und dem Heimatland meiner Freundin die Daumen. Wenn meine Kollegen aber am 11. August gegen die Brasilianer spielen, bin ich natürlich für die DHB-Auswahl. Wobei das eine richtig harte Aufgabe wird.

Wieso?

Sellin: Brasilien hat sich im Handball gewaltig verbessert, und die Stimmung in der Future Arena in Rio wird unglaublich sein. Alle Fans werden Gelb, Blau und Grün tragen, und laut wird es auch sein. Wer schon mal ein Länderspiel in Polen erlebt hat, der weiß, was ich meine.

Was trauen Sie dem Team des Deutschen Handball-Bundes (DHB) zu?

Sellin: Die Mannschaft hat Potenzial. Aber man muss auch realistisch bleiben. Der Weg zum Gold ist weit. Zuletzt fehlte dem Team etwas die Konstanz. Allerdings wächst eine Mannschaft auch erst im Verlauf eines großen Turniers richtig zusammen. Ich hoffe darauf, dass sie eine gute Rolle spielt.

Wie sieht Ihr Kontakt aktuell zum Nationalteam aus?

Sellin: Ich schreibe mir ab und an mit Silvio, Peke und Finni (Torwart Silvio Heinevetter, Kreisläufer Hendrik Pekeler und Abwehrhüne Finn Lemke, Anm. d. Red.).

Und wie sehr vermissen die Kollegen Sie in diesen Tagen?

Sellin: Da Finni jetzt meinen Platz in der Skat-Runde hat, werden sie mich zumindest im Bereich Gesellschaftsspiele wohl eher weniger vermissen.

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