„Wir sind kein Titelanwärter“

Melsunger Trainer Michael Roth über Ziele, die aktuellen Ausfälle und die Torwartsituation

Noch entspannt: Am Sonntag geht es für Trainer Michael Roth und das Team los. Foto: Fischer

Kassel. Mit dem Heimspiel am Sonntag ab 17.15 Uhr gegen Aufsteiger HSC 2000 Coburg starten die Handballer der MT Melsungen in ihre zwölfte Bundesliga-Saison.

Wir haben mit MT-Trainer Michael Roth über wichtige Themen gesprochen - wie Verletztensituation und Ziele.

Mehrfachbelastung 

Die MT hat durch die Europacup-Qualifikation mehr Spiele.

Michael Roth: Mehr Partien heißt nicht, dass es für die Spieler nicht angenehm ist. Die Jungs spielen lieber, als sich eine Woche vorzubereiten. So ist auch die körperliche Belastung kein großes Thema. Eine Herausforderung gibt es in mentaler Hinsicht. Die Jungs müssen schneller umschalten und haben weniger Zeit zu regenerieren.

Verletztensituation

Seit Wochen fehlen Marino Maric und Johan Sjöstrand. Am Sonntag werden auch Neuzugang Gabor Langhans (entzündete Patellasehne) und Michael Allendorf, der am Dienstag einen leichten Muskelfaserriss im Training erlitt, fehlen.

Roth: Wenn Leute wie Maric, Sjöstrand und Langhans fehlen, dann ist das schwer für uns aufzufangen - sollte dies öfter in einer Saison passieren. Das sind alles Qualitätsspieler. Deswegen haben wir noch Svetislav Verkic geholt, um uns auf der Torwart-Position abzusichern.

Spielerverträge

Bei Melsungen haben Patrik Fahlgren, René Villadsen, Momir Rnic, Nenad Vuckovic und Johannes Sellin Verträge nur noch für diese Serie. Sellin wird 2017 durch Tobias Reichmann ersetzt.

Roth: Wir setzen auf Offenheit. Mit allen Spielern wird frühzeitig gesprochen. Auch wenn wir mit einem dieser tollen Jungs nicht verlängern werden, ist er dennoch bis zum 30.6.2016 an die MT gebunden und soll bis dahin Leistung zeigen. Unser Ziel ist es, die Mannschaft zu verbessern und gut aufgestellt zu sein. Natürlich gibt es Härtefälle wie Sellin - die Entscheidung ist uns, Manager Axel Geerken und mir, nicht leicht gefallen. Wir gehen immer davon uns, dass wir es besser machen. Ob es richtig ist, wissen wir in der Zukunft.

Saisonziel

Die MT hat einen vierten Platz aus dem Vorjahr zu verteidigen.

Roth: Den Trainerkollegen, die uns als Titelanwärter nennen, sei gesagt: Wir sind keine Champions-League-Mannschaft und haben auch nichts mit dem Kampf um diese ersten drei Plätze zu tun. Das sind die Löwen, Kiel, Flensburg und vielleicht auch Berlin oder Magdeburg. Wir leben von unserem Kollektiv und sind von vielen Faktoren abhängig, haben aber keine Topstars im Team.

Unsere Aufgabe wird es sein, Berlin, Magdeburg, Gummersbach, Göppingen und Hannover hinter uns zu lassen. Wir können zwischen Rang vier und sieben landen. Die Saison ist lang. Deswegen wäre es eine Riesensache, wenn wir uns wieder für Europa qualifizieren könnten - wie das passiert, ist egal.

Torwartfrage

Johan Sjöstrand, der spätestens im Oktober einsatzbereit sein wird, ist die unumstrittene Nummer eins. Dahinter ist ein Kampf um die zweite Position entbrannt.

Roth: Verkic hat in der Vorbereitung gezeigt, dass er ein guter Torhüter ist: viel Erfahrung, gutes Stellungsspiel. Zurzeit hat er die Nase vorn - vor René Villadsen.

Spielerisches Potenzial

Die MT hat in Patrik Fahlgren, Nenad Vuckovic und Timm Schneider drei Spielmacher.

Roth: Patrik ist der kreative Spieler, er sorgt für mehr Variation. Nenad versteht es, ein Spiel gut in die Breite zu ziehen. Und Timm kommt mit Wucht und kann viel Gefahr am Kreis heraufbeschwören. So haben wir drei gute Systeme. Jetzt liegt es an uns, das zu nutzen. Es können nicht alle drei auf einmal spielen. Aber wichtig ist, dass die Mannschaft sich entsprechend verhält, wenn dieser oder jener die Regie übernimmt. Nur so sind wir schwer ausrechenbar.

Planung

Mit Tobias Reichmann hat Melsungen für die übernächste Runde einen deutschen A-Nationalspieler verpflichtet.

Roth: Wir sind Vierter geworden. Viel mehr ist mit dieser Mannschaft nicht möglich. Wir wollen irgendwann mal in die Phalanx der ersten drei einbrechen. Da reicht das Kollektiv allein nicht mehr. Da brauchst du individuelle Stärke. Also benötigen wir noch mehr A-Nationalspieler. Natürlich muss man schauen, wer ist auf den Markt zu bekommen. Wir haben ja nicht fünf Millionen Euro mehr zur Verfügung. Ideal wäre es, wenn wir wieder so einen Mann wie Maric bekommen, der noch nicht so im Blickpunkt steht. Wenn die MT 2020 Champions League spielen möchte, dann muss sie mehr Geld in die Hand nehmen und den Etat vergrößern. Allerdings kann man organisch wachsen.

Hintergrund: Die Sache mit dem siebten Feldspieler

Ab dem 1. Juli gelten im Handball fünf neue Regeln. Besonders oft diskutiert wurde über eine Veränderung. Danach gilt: Wenn ein Feldspieler für den Torwart eingewechselt wird, benötigt er kein Leibchen mehr.

Der Melsunger Bundesliga-Trainer Michael Roth hält von dieser Regel „gar nichts“. Früher hat er komplett auf einen siebten Feldspieler verzichtet: Nun wechselt er den Torwart durchaus schon mal aus, wenn sein Team mit einem Mann in Unterzahl ist. „Auch bei einem Mann mehr nutzen wir diese Chance und spielen dann mit einer 7:5-Konstellation. Diese beiden Systeme haben meine Jungs verinnerlicht.“

Eine 7:6-Variante wird es allerdings nicht geben. „Ich habe den Spielern gesagt: Wenn wir bei 6:6 kein Tor werfen, dann höre ich auf als Trainer.“ Freuen würde er sich jedoch, wenn die Gegner dies gegen seine Mannschaft machen sollten: „Das hat unsere Abwehr trainiert, daraus erzielen wir viele Tore: Es ist praktisch Handball ohne Aufwand.“ (bjm)

Zur Person: Michael Roth (54) ist seit 2010 Trainer des Handball-Bundesligisten MT Melsungen. Zuvor war der frühere deutsche Nationalspieler Coach in Wetzlar, Großwallstadt und bei Kronau/Östringen. Als Spieler holte er mit der DHB-Auswahl die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1984. Mit dem TV Großwallstadt gewann er unter anderem die Deutsche Meisterschaft (1990). Roth ist geschieden, hat zwei Kinder und ist liiert.

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