Porträt

Wie Trainer Jacobsen den MT-Gegner zum ersten Titel führte

Vulkan an der Seitenlinie und Kumpel in der Kabine: Nikolaj Jacobsen, der mit den Rhein-Neckar Löwen am Mittwoch bei der MT Melsungen gastiert. Foto: dpa

Mannheim. Es war, wie sich am Ende herausstellte, eine Verpflichtung gegen das Trauma.

Ein Glücksgriff, um sich selbst und dem immer unruhiger werdenden eigenen Umfeld trotz vieler vergeblicher Anläufe zu zeigen, dass die Bundesliga-Handballer der Rhein-Neckar Löwen eben doch Titel holen können. Und sogar die Deutsche Meisterschaft. Genau das hat Nikolaj Bredahl Jacobsen, der mit seiner Mannschaft am Mittwoch (19 Uhr Rothenbachhalle) bei der MT Melsungen gastiert, geschafft und seinen Vorgängern auf der RNL-Bank voraus. Ein Trainer mit Charisma, mit klarer Spielidee, mit einem Führungsstil, der bei Spielern und Fans ankommt. Fünf Attribute des 45-jährigen ehemaligen Weltklasse-Linksaußen, die hinter diesem Ruf stehen.

Der Titelsammler

Die Meisterschaft 2016 mit den Rhein-Neckar Löwen war für Nikolaj Bredahl Jacobsen der 20. Titel als Spieler (u.a. des THW Kiel) und Trainer (u.a. vom dänischen Meister Aalborg Handbold). Ein ganz besonderer für die Löwen (nämlich der erste) und ein „sehr wertvoller“ (Jacobsen) für den Dänen: „Es ist der größte Titel, den man als Vereinstrainer holen kann, weil die Bundesliga die stärkste Liga der Welt ist.“

Der Vulkan

Von dem Spiel auf dem Feld gefesselt, wird die Seitenlinie für Jacobsen zu einem Laufstall voller emotionaler Eruptionen. Wenn er jede Szene dynamisch mitlebt, unter jedem Fehler seiner Schützlinge leidet, einzelne Spieler lautstark zusammenfaltet, falls sie nicht das umsetzen, was ihr Chef angesagt hat. Ja, dann ist am Spielfeldrand die Hölle los. „Ich bin ein leidenschaftlicher Trainer. Ich erwarte von meinen Spielern immer 100 Prozent und muss deshalb auch selbst 100 Prozent geben“, erklärt er.

Der Taktiker

Trotz oder gerade wegen seiner emotionalen Versunkenheit ist der RNL-Trainer jedoch immer in der Lage, den Spielverlauf messerscharf zu analysieren, das Spiel des Gegners zu lesen. Und , die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, um auf diese Art Spiele zu entscheiden.

So wurde in der letzten Partie der zu Beginn noch aufsässige Aufsteiger Coburg gebändigt. „Taktik ist richtig wichtig“, sagt der Tüftler, der aufgrund stundenlangen Videostudiums die Stärken und Schwächen der Rivalen fast so gut kennt wie die seiner Mannschaft.

Der Kumpel

Er kann auch anders - außerhalb des Spielfeldes. Da ist der Chef locker im Umgang mit seinen Spielern, lacht viel und hat immer einen lustigen Spruch drauf. Zum Kontrastprogramm gehören weiterhin die schnelle Versöhnung nach dem Spiel (und nach einer entsprechenden Standpauke) und gemeinsame Unternehmungen abseits des Trainingsbetriebs, bei dem seine Schützlinge das letzte Wort haben.

Der Motivator

Der erste Titel nach dem x-ten Anlauf (und jahrelangen, hohen Investitionen) war für Jacobsen auch ein mentales Problem. „Der letzte Schritt zum großen Ziel spielt sich größtenteils im Kopf ab“, wusste der Coach der Rhein-Neckar Löwen um diese mentale Hürde. Und verschrieb seinen Schützlingen Selbstbewusstsein statt Zurückhaltung. „Wir werden Meister“ war sein Credo in der letzten Saison. Gerade auch in der Phase, als seine Mannschaft nach Niederlagen gegen Flensburg/Handewitt und bei der MT zwischenzeitlich mal wackelte.

Die Medizin wirkte. Und der Titel entpuppte sich schnell als Befreiung statt als Bürde, wofür der Fabelstart in die neue Saison mit Supercup-Gewinn trotz einer schwierigen Vorbereitung spricht. Denn: „Wir wissen jetzt, dass wir Titel holen können, was unseren Hunger darauf, das zu wiederholen, noch gesteigert hat“, sagt Jacobsen.

Zur Person

Nikolaj Bredahl Jacobsen, geboren am 22. November 1971 in Viborg, kam über GOG Gudme und Bayer Dormagen (1997/1998) zum THW Kiel (1998 bis 2004), mit dem der Linksaußen dreimal die Meisterschaft, zweimal den DHB- Pokal und zweimal den EHF-Pokal gewann. Nach Knieproblemen kehrte der 148-fache dänische Nationalspieler als Trainer nach Dänemark zurück. Von 2012 bis 2014 trainierte er den Erstligisten Aalborg und gewann mit ihm 2013 die Meisterschaft. 2014 heuerte er als Nachfolger von Gudmundur Gudmundsson bei den Rhein-Neckar Löwen an, mit denen er im zweiten Jahr Deutscher Meister wurde. Vor der aktuellen Saison wurde sein Vertrag bis 2020 verlängert.

Von Ralf Ohm

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