Aber noch keine Spitzenmannschaft

Zwischenbilanz: Melsunger Handballer so erfolgreich wie nie

Ausgelassen: MT-Trainer Michael Roth (links) bedankt sich bei Kreisläufer Felix Danner nach dem Überraschungssieg in der ausverkauften Rothenbach-Halle gegen die Rhein-Neckar Löwen. Foto: Schachtschneider

Kassel. „Ich bin schon auch ein bisschen froh“, sagt Michael Müller. Der Kapitän der MT Melsungen kann gut damit leben, dass sein Team aus einem Rennen raus ist, in das die Mannschaft (noch) nicht gehört.

Der Titelkampf in der Handball-Bundesliga ist physisch wie psychisch eine enorme Herausforderung. „Da gilt es ständig, die Spannung zu halten“, erklärt Müller, „das können nur Spitzenmannschaften. Wir sind so weit noch nicht.“ Er betrachtet dies als eine wichtige Aufgabe für 2016.

Dennoch ist das abgelaufene Jahr hervorragend für die Nordhessen verlaufen. Als Tabellenfünfter ist Melsungen klar auf Kurs Europacup. Da der derzeitige Viertplatzierte HSV Hamburg, finanziell arg in Nöten, möglicherweise ein Insolvenzverfahren eröffnen muss und dann automatisch mindestens acht Pluspunkte verliert, ist sogar eine noch bessere Platzierung im Bereich des Möglichen. „Der vierte Rang ist realistisch“, meint auch der Mannschaftsführer.

Die Bilanz einer Hinserie, wie sie aus MT-Sicht noch nie erfreulicher war: 

Das Bollwerk: 25,65 Gegentreffer kassierten die Melsunger im Schnitt – das genügt höchsten Ansprüchen. Nur drei Klubs in der Bundesliga mussten nach dem ersten Teilstück der Saison weniger Tore hinnehmen. „Es ist einfach klasse, was unser Mittelblock leistet“, lobt Momir Rnic die beiden Innenverteidiger Felix Danner und Philipp Müller. Vor allem harmoniert die Deckungsreihe hervorragend mit Johan Sjöstrand, der nach seinem Abgang aus Kiel trotz einer unfreiwilligen Abmagerungskur aufgrund einer seltenen Viruserkrankung seinem Ruf als Torwart der Extraklasse vollauf gerecht wurde – und so den nach Mannheim abgewanderten Publikumsliebling Mikael Appelgren (fast) vergessen ließ.

Der Leitwolf: Wenn es neben Sjöstrand einen Mann gibt, den die MT praktisch nicht ersetzen kann, dann ist es Kapitän Michael Müller. Er ist Torschütze, Vorbereiter, Abwehrrecke, Kämpfernatur, und, und, und. Noch dazu: Der im Sommer als Nachfolger von Nenad Vuckovic bestimmte Müller genießt hohes Ansehen bei seinen Kollegen. Erst gegen Ende des Kalenderjahres machten sich bei ihm eine Fußverletzung und ein Kräfteverschleiß bemerkbar.

Die Überraschungscoups: Zwei Melsunger Erfolge stechen heraus: der 25:23-Sieg über die bis dahin verlustpunktfreien Rhein-Neckar Löwen und das 33:32 in Flensburg. Gegen die Mannen von der Förde hatten die MT-Schützlinge zuvor noch nie einen Punktspielsieg gelandet. „Ich kann meiner Mannschaft nur gratulieren“, erklärt Trainer Michael Roth, „bei uns hat viereinhalb Monate fast nur die Sonne geschienen.“

Die Fans: So viele Zuschauer wie noch nie strömten in die Rothenbach-Halle und sorgten darüberhinaus für eine einzigartige Atmosphäre, die die MT zu manchem Sieg trug. Dreimal war sie ausverkauft – und das nicht nur zu vermeintlichen Topspielen, was auf einen nachhaltigen Besuchereffekt auch im Jahr 2016 hoffen lässt.

Die Königsposition: Dass die MT nach dem Coup gegen die Rhein-Neckar Löwen etwas einbrach (vier Niederlagen in den letzten sechs Spielen vor der EM-Pause), lag auch an den Formschwankungen von Momir Rnic, der nicht immer für den nötigen Druck aus dem linken Rückraum sorgen konnte. Und somit eine mitunter spielentscheidende Lücke hinterließ, weil Philipp Müller seine Qualitäten eher in der Abwehr hat und Nenad Vuckovic verletzt war.

Das Flügelspiel: Melsungen hat mit Michael Allendorf und Johannes Sellin – beides Nationalspieler – eine der besten Flügelzangen der Bundesliga. Die glänzt immer dann, wenn es ihrer Mannschaft gelingt, das eigene Konterspiel zu forcieren. Im gebundenen Spiel sind beide allerdings zu ungefährlich, könnten sich mehr „zeigen“, auch um den eigenen Angriff breiter und weniger ausrechenbar zu machen.

Vermeidbare Niederlagen: Beendet wurde der Melsunger Höhenflug, der bis zum zweiten Platz reichte, in Kiel. Das ließ sich verdauen. Die Schlappe gegen den HSV und die Pleite in Wetzlar schmerzten leicht. Richtig weh tat die 25:28-Niederlage gegen keineswegs übermächtige Hannoveraner. „Da fehlte uns die nötige Spannung“, gestand Trainer Michael Roth. Und weiß genau wie sein Kapitän, woran es während der EM-Pause zu arbeiten gilt, den nächsten Schritt nach vorn zu machen.

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