Babys statt Titel und Medaillen

Nach WM-Verzicht von Fatmire Alushi: Das sagen schwangere Sportlerinnen

Baby statt Fußball-WM: Fatmire Alushi. Archivfoto: Meyer/nh

Kassel. Sie sind noch gar nicht auf der Welt, aber sie entscheiden schon Spiele, Meisterschaften und Titelkämpfe: Babys.

Das jüngste Beispiel: Fußballerin Fatmire „Lira“ Alushi (früher Bajramai) hat zwar kürzlich – im vierten Monat schwanger – noch mit dem FC Paris St. Germain das Finale der Champions League gegen den 1. FFC Frankfurt (1:2) bestritten. Der Nationalmannschaft aber wird die 27-jährige Leistungsträgerin bei der Weltmeisterschaft vom 6. Juni bis 5. Juli in Kanada fehlen. Das sagt Fatmire Alushi.

„Natürlich hätte ich auch die WM gern noch gespielt. Aber es gibt Dinge im Leben, die sind wichtiger als Fußball“, erklärte die 79-fache Nationalspielerin. Die Ehefrau von Enis Alushi (FC St. Pauli) freut sich „riesig auf die neue Etappe“ in ihrem Leben, hat aber mit dem Fußball noch nicht abgeschlossen: „Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, werde ich irgendwann auch wieder neue Erfolge anstreben. Ich komme bestimmt zurück.“ Das sagen Sportlerinnen

„Das Laufen in der Schwangerschaft hat mir gutgetan, auch wenn es im fünften Monat nur noch schnelles Spazierengehen war“, sagt Angelika Stephan aus Vellmar. Das einstige Mitglied der Marathon-Nationalmannschaft, damals 30, hatte sechs Wochen nach der Niederkunft wieder angefangen, vor und nach einem Rennen gestillt und später noch einige Hessentitel geholt.

Nach dem Baby nun wieder im Training: Speerwerferin Christina Obergföll mit Sohn Marlon. Archivfoto:  dpa

„Wenn jahrelang dein Körper und der Sport dein Leben sind, dann ist es schwer, sich plötzlich von sportlichen Träumen zu verabschieden und zu schonen, weil ein Baby unterwegs ist. Zumal du nicht krank bist oder verletzt, sondern schwanger“, beschreibt Tessa Bremmer (31) von der HSG Bad Wildungen, was nun auch Lira Alushi bewegen könnte. Topfit habe sie sich gefühlt, „aber als Handballerin mit hartem, unberechenbarem Körperkontakt musste ich in der 14. Woche aufhören zum Schutz des Babys“. Inzwischen bestimmt Fleur den Takt bei Bremmers, aber Mama Tessa hat drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter schon wieder gespielt. „Nur als Aushilfe, denn zunächst passt es gut, dass ich als Trainerin bei den Vipers dabeibleibe.“

Gunda Niemann-Stirnemann (48) erlebte die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City „nur“ als TV-Expertin – im siebten Monat und kugelrund. „Eigentlich wollte ich noch ein paar Medaillen holen, hatte im Sommer super trainiert“, berichtet die Eisschnelllauf-Legende aus Erfurt heute und lacht. „Der Nachwuchs war nicht geplant, und kam doch gerade recht.“ 35 war sie damals, hatte längst alles gewonnen, was zu gewinnen war. „Daher habe ich mich keine Sekunde gegrämt, die Freude auf’s Baby war viel, viel größer als die Enttäuschung, Olympia zu verpassen.“

Mit Leib und Seele sei sie Mama, „meine Sportpause war dann auch länger als geplant“. Die Folge: Niemann nahm auf dem Eis zwar noch einen neuen Anlauf, erreichte aber nicht mehr das einstige Niveau. Aber darüber lächelt sie heute ebenso wie über einen Spruch von Tochter Victoria (fast 13): „Mama, du bist peinlich.“

Das sagt ein Frauentrainer

Martin Geldmacher hatte vor einigen Jahren als Handball-Trainer des Tuspo Waldau in Kassel das Problem, dass zeitlich überschneidend gleich fünf Spielerinnen wegen Schwangerschaften ausfielen – der Abstieg aus der Oberliga war nicht zu verhindern. „Dein sportliches Konzept wird über den Haufen geworfen, du kannst dich auf diese Situation nicht vorbereiten, du kannst personell nicht reagieren“, erklärt Geldmacher. Aber: „Die Freude mit den Spielerinnen überwiegt, das Menschliche steht weit über dem Sport. Und: Es wird ja für Nachwuchs gesorgt, der oft im selben Verein auch wieder einen Zugang zum Sport finden wird.“

Das sagt eine Frauenärztin

Astrid Bardenheuer-Joachimmeyer (55), Frauenärztin am Medikum Kassel und einst Nordrhein-Meisterin im 800-Meter-Lauf (2:12 min), empfiehlt Schwangeren rhythmische Sportarten und Ausdauerschulung. Aber: „In Maßen, denn die Körpertemperatur darf nicht signifikant steigen!“ Auf Ballspiele im Wettkampf und Handball sei schon früh zu verzichten wegen der Verletzungsgefahr. Denn: „Wir dürfen zum Beispiel nicht mehr röntgen.“

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