"Verzweifelt bin ich jedenfalls nie"

Vize-Weltmeister Raphael Holzdeppe über Rückschläge und die Deutsche Meisterschaft in Kassel

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Der Flug zu Silber: Raphael Holzdeppe schraubt sich bei der WM 2015 in Peking hoch Richtung Latte.

Kassel. Weltmeister 2013, Vize-Weltmeister im vergangenen Jahr – Raphael Holzdeppe zählt zur Weltspitze im Stabhochsprung. Wir haben mit ihm gesprochen.

Ausgerechnet im Olympia-Jahr hat ihn eine Verletzung zurückgeworfen – wieder einmal. Im Winter erlitt der 26-Jährige Anrisse des Außen- und Innenbandes im Sprunggelenk. Nun kämpft er um die Norm für die Olympischen Spiele in Rio. Im besten Fall erfüllt er die geforderten 5,70 Meter am Wochenende in Kassel.

Herr Holzdeppe, was macht Ihr Sprunggelenk? 

Raphael Holzdeppe: Meinem Sprunggelenk geht’s sehr gut. Ich kann alles trainieren, und ich bin erleichtert, dass der Heilungsprozess gut verlaufen ist.

Sind die Saisonziele also nicht in Gefahr? 

Holzdeppe: Keineswegs. Die letzten Einheiten waren sehr vielversprechend. Wenn der Fahrplan aufgeht, bin ich in Rio in Topform. Auf jeden Fall bin ich jetzt in der Form, 5,70 Meter zu springen.

Auch schon bei der Deutschen Meisterschaft in Kassel? 

Holzdeppe: Ich bin noch nicht bei 100 Prozent. Aber wenn ich nicht das Gefühl hätte, die Höhe zu meistern, würde ich gar nicht erst antreten. Wenn die äußeren Bedingungen passen, kann es ein toller Wettkampf werden.

Sie klingen sehr positiv. Trotzdem zieht es sich fast wie ein roter Faden durch Ihre Karriere, dass nach einer tollen Saison ein Seuchenjahr folgt. 

Holzdeppe: Na ja, 2016 würde ich nicht unbedingt als Seuchenjahr bezeichnen. Im Winter bin ich einfach nur blöd umgeknickt. Das passiert. Außerdem ist die Freiluftsaison ja noch lange nicht abgehakt.

Dennoch hatte Ihre Laufbahn bisher etwas von einer Achterbahnfahrt, oder? 

Holzdeppe: Ich hatte einen langen Lernprozess. Ich war früher der Zeit schon ein bisschen voraus. Ich habe als Jugendlicher Höhen geschafft, die sonst nur Erwachsene meistern. Mein Körper war aber nicht darauf vorbereitet. Der musste sozusagen aufholen, um eine Konstanz reinzubringen. Das geht nicht von heute auf morgen und zog leichte Verletzungen nach sich. Von daher war Geduld gefragt. Verzweifelt bin ich jedenfalls nie. 2012 ist mir dann mit Bronze in London der Durchbruch geglückt. Und nach dem Seuchenjahr 2014 habe ich schnell wieder das Gleichgewicht gefunden.

Inwieweit spielte die Rückkehr in die Pfälzer Heimat zum früheren Trainer eine Rolle für Ihre neu gewonnene Stärke? 

Holzdeppe: Die Zeit in München will ich nicht missen. Aber ich bin oft nach Zweibrücken gefahren, habe Familie und Freunde besucht und meine Freundin in Saarbrücken. Da saß ich vier Stunden im Auto. Das bedeutete Stress. Und als ich 2014 in einem Tief steckte, entschied ich mich für die Rückkehr. Mein alter Trainer Andrej Tiwontschik kennt mich in- und auswendig. Das macht vieles leichter. Mein Körper bekam dann mehr Ruhe.

Mal abgesehen vom stressigen Pendeln: Brauchen Sie das Beschauliche und Geborgene? 

Holzdeppe: Wie gesagt, ich habe mich in München nicht unwohl gefühlt. Aber natürlich: Ein harmonisches Umfeld hilft mir, mich auf meinen Sport zu konzentrieren.

Und in Ihrem Sport gehören Sie zu den Aushängeschildern. 

Holzdeppe: In erster Linie wollte ich nur meinen Sport machen, meinen Sport leben. Schon als 14-Jähriger habe ich mir in den Kopf gesetzt, Leistungssportler zu werden. Stabhochsprung hatte mich immer fasziniert. Heute lebe ich diesen Traum. Dann noch als Aushängeschild bezeichnet zu werden, ist eine große Ehre.

Was macht den Reiz Ihrer Disziplin aus? 

Holzdeppe: Spektakel ist das richtige Wort. Es ist einfach klasse, die Emotionen der Zuschauer mitzubekommen.

Gehört für Sie auch das Spiel mit dem Publikum dazu? 

Holzdeppe: Meine besten Wettkämpfe habe ich gemacht, wenn das Publikum mitgegangen ist. Stabhochsprung ist deshalb so mitreißend, weil es dieses Hin und Her gibt. Der erste Athlet springt über die Höhe, der zweite zieht nach, der dritte lässt aus, meistert aber die nächste Höhe – das macht den Reiz unserer Sportart aus. Und das motiviert mich.

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