Bad Hersfeld. Simon Oetzel spielt seit zwölf Jahren Handball. Aber das, was er am Sonntag erlebte, ist dem Torhüter in seiner gesamten Laufbahn noch nicht passiert. Seine Mannschaft, die SG Schenk-lengsfeld, führt in der Schlussminute im Spiel in Bebra knapp mit 23:22 Toren. Es ist ein packendes, dramatisches Finale in diesem Derby der Bezirksoberliga. Ungefähr 20 Sekunden vor Schluss sind die Gäste im Ballbesitz. Der Countdown läuft.

Warf den Ausgleich für Bebra: Außenspieler Alexander Fischer. Foto: Eyert/ar
Noch 18, 17, 16, 15, 14 .... Unerbittlich zählt die Hallenuhr die Sekunden herunter. Die Schiris zeigen Zeitspiel an. Schenklengsfeld gerät unter Druck, muss werfen.
13, 12, 11... Rückraumspieler Christoph Steinhauer zielt zu ungenau, sodass Sascha Pilz den Ball noch fangen kann.
Noch 9, 8, 7... Bebras Keeper reagiert blitzschnell, leitet den Tempogegenstoß ein.
6, 5, 4 ... Der Ball kommt zu Alexander Fischer.
3, 2... Kurz vor dem Kreis holt Bebras Linksaußen aus und wirft auf das Schenk-lengsfelder Tor.
Eins...
Was dann passiert, darüber gehen die Meinungen in beiden Lagern auseinander. Der Ball prallt zunächst mit einem lauten Knall vom Pfosten.
Oetzel ist sich sicher, genau in diesem Moment die Schlusssirene gehört zu haben. Er kann nicht mehr reagieren. Der Ball fliegt gegen seinen Rücken und von dort trudelt er über die Linie – Tor?
Oder doch nicht? Die Anzeigetafel schaltet um auf 23:23 – die aus Bebra kommenden Zeitnehmer und die Schiedsrichter geben das Tor. Bebra jubelt, die Schenklengsfelder schauen fassungslos drein. Torschütze Fischere reißt die Arme hoch. „Der Ball war für mich hinter der Linie. Die Schlusssirene hab’ ich nicht registriert,“ meinte er. Dass der Ball im vollen Umfang im Tor war, ist im Übrigen unstrittig. „Das hab’ ich auch so gesehen“, sagt Oetzel. Aber auch innerhalb der Spielzeit?
Minutenlange Diskussionen schließen sich an die Schiri-Entscheidung an. Auch Markus Lotz ist sich sicher, dass der Ball erst nach dem Abpfiff die Linie überquerte. „Aber was soll’s“, sagt er. „Wir müssen jetzt mit dieser kuriosen Punkteteilung leben“, meint der Schenklengsfelder Trainer.
Sein Team stand im Derby dicht vor dem ersten Auswärtssieg in dieser Saison. In der 48. Minute führte die SG sogar mit vier Toren. „Unsere kämpferische Einstellung hat gestimmt. Die war sehr gut“, gibt Lotz zu Protokoll. Im Übrigen: Zufrieden mit dem Spiel war zum Schluss keiner. Alex Fischer – der Ausgleich war sein einziges Tor – meinte: „Irgendwie war’s für beide eine gefühlte Niederlage.“
Von Hartmut Wenzel



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