17-Jährigem wird GM-Titel verliehen

Schachspieler Dennis Wagner: Auf dem Sprung in die Weltelite

64 Felder, 32 Figuren: Auch am Küchentisch ist Schach ein elementarer Teil im Leben von Dennis Wagner aus Söhrewald-Wellerode. 2 Fotos:  Andreas Fischer

Lohfelden. Er schlägt sich herum mit Bauern, Springern und Läufern, schützt seine Dame gegen alle Attacken und hat dennoch immer den König im Visier.

Er ist begeistert von der Ästhetik seines Spiels und vom Kampf mit seinen Kontrahenten. Und dennoch sitzt Dennis Wagner bei all dem konzentriert auf seinem Stuhl. Vor sich hat der 17-Jährige aus Söhrewald-Wellerode 16 weiße und 16 schwarze Figuren seines Schachspiels, reichlich Lektüre und – die Berufung zum Großmeister (GM).

Am kommenden Sonntag beginnt der nächste Kongress des Schach-Weltverbandes Fide. In Chengdu (China). Dort wird dem schmalen jungen Mann aus der Söhre der GM-Titel verliehen – die offizielle Aufnahme in die Weltelite, der Meilenstein in der Karriere eines Schachspielers.

Die Anfänge 

Opa Leopold Winter war Dennis’ erster Lehrer und Gegner. Da war er sechseinhalb. Lehrerin Tatjana Fricke beschrieb den Jungen als hochbegabt und geistig nicht ausgelastet. Lesen und Schreiben konnte er schon vor der Einschulung. Geige oder Schach? Wagner entschied sich fürs Schach („zum Glück“), kam zur FSK Lohfelden. Nach sechs Wochen wurde er Bezirksmeister U8, mit zehn Jahren Deutscher Meister U10, zwei Jahre später U12. 2008 wurde er in Vietnam Neunter der Jugend-Weltmeisterschaft, 2012 in Maribor Sechster.

Die Gegenwart 

Nach dem Abitur 2014 und der deutschen Vizemeisterschaft bei den Erwachsenen kann Wagner nun bis Ende Juni nur fürs Schach leben. Gesponsort von der Familie und dem Deutschen Schachbund, der 50 Prozent aller Kosten insbesondere für Reisen trägt. „Sporthilfe gibt es nicht, weil Schach leider nicht olympisch ist“, sagt Wagner.

Zwei Turniere bestreitet er pro Monat, die Zeit dazwischen wird zur Aufarbeitung und Vorbereitung genutzt. Sechs bis acht Stunden pro Tag, freie Tage gibt es nicht. Denn: „Jeder Spieler hat Vorlieben, Stärken und Schwächen. All das über den Gegner zu wissen, kann über den Sieg entscheiden.“

Die Perspektiven 

Die Berufung zum Großmeister kann sich auch finanziell auszahlen. Nicht nur wegen des Preisgelds. Denn: Bei vielen Turnieren übernehmen die Veranstalter die Kosten für Reise und Unterkunft, teilweise entfallen Startgebühren. „Und die Besten erhalten als Zugpferde sogar Antrittsgeld“, berichtet Wagner. So ist ein Topturnier in Las Vegas mit einer Million Dollar dotiert.

Dennoch sieht der 17-Jährige seine Zukunft (noch) nicht als Schachprofi. „Der Erfolgsdruck ist zu hoch, wenn man keine berufliche Absicherung hat“, sagt Wagner. Also wird er im Herbst ein Studium beginnen. Die Abinote 1,0 ermöglicht ihm die freie Auswahl. „Irgendetwas Naturwissenschaftliches. „Ich habe noch keinen Traumberuf.“

Das Training 

Schachspieler sind Einzelkämpfer – und Internetfreaks. Denn wie in kaum einer anderen Sportart hat die Elektronik das Training verändert. Natürlich gibt es noch immer viele Bücher mit Basiswissen. Doch das Web bietet unerschöpflichen Zugang zu den Notationen (Spielverlauf) ungezählter Partien weltweit. „Ich kann dadurch weitgehend autodidaktisch trainieren – Spiele nachverfolgen, einzelne Züge oder Situationen nachspielen und analysieren“, erklärt Wagner. Zwei Lehrgänge mit internationalen Großmeistern bietet der Schachbund an, außerdem spielt er im Bundesliga-Team des SV Hockenheim. „Der Austausch mit erfahrenen Mitspielern ist eine große Hilfe.“ Schach als Sport

„Natürlich ist Schach ein Sport und erfordert körperliche Fitness“, sagt Dennis Wagner energisch. Denn: „Wenn bei Turnieren zwei Partien pro Tag gespielt werden und jede bis zu fünf, sechs Stunden dauert, dann strengt das sehr an.“ Radfahren und Joggen sind als Ausgleich unerlässlich, früher habe er auch Tischtennis und Tennis gespielt. „Konzentration kostet Substanz und Kraft.“

Kampf und Ästhetik 

Beim Boxen, bei Ballsportarten weiß jeder, wie die Aktiven kämpfen. Aber beim Schach? „Wenn einem beim Spiel die festgelegte Zeit zum Nachdenken von meist 90 Minuten mit jedem Zug weiter davonrennt, wenn eine Situation immer kritischer wird, dann kämpft ein Schachspieler um die Kraft zur Konzentration, um jeden klaren Gedanken“, erläutert Dennis Wagner. „Mir macht es mehr Spaß, mich durchzubeißen. Um einen Sieg zu kämpfen bis zum letzten Zug, statt früh mit einem Remis zufrieden zu sein.“

Aber was macht für ihn Ästhetik aus beim Schach? „Universelles, flexibelstes Spiel. Geometrische Motive, eine besondere Harmonie im Zusammenspiel der Figuren. Aber das erschließt sich oft nur Experten“, räumt der Nordhesse ein. Greifbarer sei da die Ausstrahlung der Spielstätte, beispielsweise in einem Museum, in besonderer Architektur.

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