Samstagsinterview: Schottin McIntosh kämpft mit SSV Baunatal um Aufstieg in 1. Luftgewehr-Bundesliga

„Mein Weg ist außergewöhnlich“

Konzentriert: Die Schottin Seonaid McIntosh während eines Wettkampfes. Fotos:  privat/Fischer/nh

Kassel. Nicht nur für sie wird’s am Sonntag ernst: Die Schottin Senoaid (sprich Schona) McIntosh kämpft am Sonntag mit dem SSV Baunatal um den Aufstieg in die erste Luftgewehr-Bundesliga. Viermal ist die 19-Jährige in dieser Saison eingeflogen worden – ein Gespräch über ihre Pendelei, Ahle Wurscht und Olympia-Träume.

Frau McIntosh, warum schießt eine Schottin für Baunatal?

McIntosh: Meine Eltern haben an der Edinburgh-Universität mit einem der aktuellen Coaches aus der Deutschen Nachwuchsliga studiert. Er wiederum kennt Marvin, einen der Baunataler Trainer. Und sie haben mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, dem Verein beizutreten.

Was hat Baunatal, was Edinburgh nicht hat?

McIntosh: Wettbewerbe. Schießen ist in Großbritannien keine große Sache. Es gibt nur wenige Wettbewerbe. In der Bundesliga aber kann ich Wettkampferfahrung sammeln. Es wird Musik während der Entscheidungen gespielt, das Publikum geht mit. Und: Deutschland ist nicht weit weg. In der Regel ist es nur ein Flug von Edinburgh nach Frankfurt. Und ich versuche, ein wenig Deutsch zu lernen. Ich kann immerhin mein Essen bestellen.

Haben Sie schon Ahle Wurscht geordert?

McIntosh: Nein, meist gibt’s Spaghetti. Aber ich habe schon davon gehört. Ein Teammitglied hat neulich Sauerkraut gemacht. Das war sehr lecker.

Gehen auch andere Schieß-Talente ins Ausland?

McIntosh: Eigentlich nicht. Es gibt nur eine Handvoll Schützen in Schottland, die international schießen. Meine ältere Schwester hat mal in den USA trainiert. Mein Weg ist da eher außergewöhnlich. Vielleicht starte ich ja einen Trend.

Wie oft sind Sie in Deutschland?

McIntosh: In den vergangenen Monaten war ich alle zwei Wochen dort. Entweder habe ich in unserem Stützpunkt in Dortmund trainiert oder hatte Wettkämpfe mit Baunatal. Tamara, eine Teamkollegin, holt mich immer in Frankfurt mit dem Auto ab. Ich kann die Bahn nicht nehmen wegen meiner Waffe.

Ist das verboten?

McIntosh: In Deutschland ja. So hat man es mir gesagt. In Großbritannien muss ich sie erst anmelden, darf sie dann aber im Zug mitführen, im Bus allerdings nicht.

Bringen Sie Ihre eigene Waffe mit nach Deutschland?

McIntosh: Ja. Ich gehe am Flughafen zum Gepäckschalter und melde sie an. Manchmal gucken die Angestellten ein wenig schräg. Ich muss dann noch ein paar Formulare ausfüllen und eine Gepäckgebühr für Waffen bezahlen. Nach der Landung bringt mit dann ein Mitarbeiter die Waffe. Er überprüft meinen Pass und dass ich die Befugnis habe, eine Waffe zu tragen. Sie liegt nicht auf dem normalen Gepäckband.

Ist Ihnen da schon mal etwas Verrücktes passiert?

McIntosh: Es fragt mich mindestens immer ein Passagier, was in der Gewehrhülle ist. Aber wirkliche Probleme habe ich noch nie gehabt.

Zahlen Sie die Flüge selbst?

McIntosh: Nein, das übernimmt ein britisches Sportförderprogramm. Allerdings bekomme ich auch kein Geld, sondern profitiere einzig von der Erfahrung, die ich sammle.

Und wie trainieren Sie?

McIntosh: Mein Vater ist mein Coach. Er trainiert mit mir dreimal pro Woche, einmal ist auch meine Schwester dabei.

Ist das schwierig?

McIntosh: Da ich studiere und nicht mehr zu Hause wohne, ist es schön, Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Training mit meiner Schwester macht viel Spaß, allerdings lenken wir uns auch ab.

Erhöht es den Druck auf Sie, dass Jennifer schon für Olympia qualifziert ist?

McIntosh: Es motiviert mich eher. Ich versuche immer, mich mit ihr zu messen und sie zu schlagen.

Wie groß sind Ihre Olympia-Chancen?

McIntosh: Bei der Europameisterschaft Ende Februar habe ich die letzte Gelegenheit, mich für Rio zu qualifizieren. Es ist nicht einfach. Klar, wäre es ein Traum, dabeizusein. Aber für mich bricht keine Welt zusammen, sollte es jetzt noch nicht klappen.

Sind Sie selbst davon überrascht, dass Olympia schon ein Thema ist? Sie haben ja erst vor vier Jahren so richtig mit dem Schießen angefangen.

McIntosh: Das ist schon ganz cool. Ich habe anfangs eine schnelle Entwicklung hingelegt. Aber ich hatte ja auch den Vorteil, dass mich das Thema Schießen schon seit Geburt an begleitet, da meine Eltern und meine Schwester schießen.

Das heißt, bei McIntoshs am Frühstückstisch wird nur über Schießen geredet?

McIntosh: Meistens. Aber mit meinem Vater spreche ich auch viel über Musik. Da gibt’s also auch noch ein anderes Thema.

Ist es auch Teil des Schießtrainings, Musik zu hören, um die Konzentration zu stärken?

McIntosh: Wenn ich zu Hause trainiere, läuft immer das Radio. Mir fällt die Konzentration dann leichter. Schießt man in absoluter Stille, fällt die Konzentration viel schwerer. Das klingt vielleicht verrückt: Man hört eine Stecknadel fallen. Das lenkt ab. Eine konstante Geräuschkulisse lenkt viel weniger ab.

Von Michaela Streuff

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