Kasseler Boxnacht: Über Protzkarren, Parfüm und Sportler über 50

Treffer: Andreas Sidon (links) kämpft gegen den einstigen Tyson-Bezwinger Danny Williams. Foto:  Schachtschneider

Kassel. Als die 1100 Zuschauer um kurz nach Mitternacht von dannen zogen, stand noch ein Sänger im Boxring und gab den Klassiker von Frank Sinatra zum Besten: „I did it my way."

Das sollte der edle Abschluss dieser fünfstündigen Kasseler Boxnacht im Autohaus Dürkop werden, doch die Gesangseinlage erhielt längst nicht mehr erhöhte Aufmerksamkeit - zu enttäuschend war das sportliche Ende des Tages: Lokalmatador Özcan Cetinkaya hatte zwar den Hauptkampf gegen Lukasz Rusiewicz gewonnen, allerdings nachdem der Pole nach drei laschen Runden wegen einer vermeintlichen Armverletzung aufgeben musste.

Es gab Buhrufe, die irgendwann von diesem „I did it my way“ abgelöst wurden. Und womöglich war das bezeichnend für diese ganze Veranstaltung. Hier traf alles zusammen: der hohe Gesang und die Unmutsäußerungen, das Edle und das Verruchte, das süßliche Parfüm der feinen Damen und der Schweiß der kämpfenden Männer, der Ernst und der Spaß, das Professionelle und das Amateurhafte. So wie vor dem Hauptkampf: Da kam die deutsche Nationalhymne vom Band. Sie lief ein paar Sekunden, ehe der Hallensprecher die Regie bat, die Musik zu stoppen, weil ja eine Livesängerin vor Ort sei.

Am Ende stellte sich die Frage, was das eigentlich sein sollte. Und eigentlich gab es nur eine Antwort: großes Theater für jedermann, für die Männer mit Hemd und Fliege und jene im Jogginganzug. Wer das Ganze als solches begriff, der fühlte sich auch unterhalten - selbst dann, als ein 52-Jähriger, dessen wenigen Haare grau waren, versuchte, sich im Ring zu behaupten, was durchaus Reaktion hervorrief: „Ach du scheiße“, sagte der eine. „Das ist doch kein Boxen“, erklärte der andere, und sogar der Hallensprecher stellte fest: „Boxen ist natürlich manchmal auch ein bisschen Entertainment.“ Eben.

Das gilt erst recht in einem ungewöhnlichen Ambiente wie diesem: einem Autohaus, in dem überall die Autos stehen, die zugleich eine Art Symbol darstellen für eine solche Boxnacht mit gemischtem Publikum: Es gibt da die Protzkarren und die kleinen Flitzer, die Angeberautos und die unauffälligen Wagen. Ein bunter Mix aus allem. „Es ist super, hier zu boxen, die Stimmung ist klasse, alles passt“, sagte Gueven Aslanboga aus dem Westerwald, der gleich den ersten Kampf im Supermittelgewicht gegen den Tschechen Josef Holub gewann. Es war ganz ansehnlich. Immerhin.

Der Sport ansonsten? Eine Nebensache eher, mitunter eine Farce. Vorletzter Kampf, Andreas Sidon, 53 Jahre alt, gegen Danny Williams aus England, der einst Mike Tyson besiegte und schon gegen Vitali Klitschko antrat und unterlag, der aber tief gesunken ist und in der Szene nicht mehr den besten Ruf hat. Sidon siegte, weil die Ringärztin Williams in der fünften Runde stoppte. Auch das: ein großes Theater.

Dass es auch anders geht, bewies Mario Jassmann aus Korbach in seinem Kampf gegen den Georgier Giorgi Khulelidze. Er zeigte, was den Sport ausmachen kann: Athletik und perfekte Momente, wenn der Gegner entscheidend getroffen wird. Jassmann schlug Khulelidze in Runde vier K.o. und sagte: „Es hat Spaß gemacht.“ Und Frank Sinatra sang: „I did it my way.“

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