Inka Nisinbaum: "Ich bin immer noch da"

Sollte heute nicht mehr leben: Sportlerin kämpfte sich mit neuer Lunge und Leber zurück

Doppeltes Glück: Der Organspender hat nicht nur Inka Nisinbaum das Leben gerettet. Auch Sohn Noam würde es heute nicht geben. Foto: privat

Kassel. Hätten die Ärzte Recht behalten, Inka Nisinbaum wäre heute gar nicht mehr da. Doch sie ist noch da. Laufen, eine neue Lunge und eine neue Leber halfen ihr zurück ins Leben. Die Krönung: Die Geburt ihres gesunden Sohnes Noam.

Im Vorfeld des Kassel-Marathons liest die gebürtige Niedersächsin, die mit Silke Optekamp vom PSV Grün-Weiß Kassel seit Kindertagen befreundet ist, am Freitag im Klinikum Kassel.

Frau Nisinbaum, bei Ihnen muss man diese Frage einfach stellen: Wie geht es Ihnen?

Inka Nisinbaum: Das kann ich einfach beantworten. Mir geht es super. Ich sage immer von mir, dass ich gesund bin, und so fühle ich mich auch.

Sie sind davon überrascht?

Nisinbaum: Wenn ich andere Transplantierte sehe, ja, dann bin ich schon dankbar dafür. Bei Ärzten hatte ich manchmal das Gefühl, das es nicht so in den Katalog der Antworten passt, die sie normalerweise bekommen. Man hat schon das Gefühl, dass man mit so einem Statement etwas aus der Reihe fällt.

Ihnen geht es so gut, dass Sie am Freitag in Kassel zu Gast sind. Der Sport führt Sie her. Welche Rolle nimmt Laufen in Ihrem Leben ein?

Geht regelmäßig laufen: Inka Nisinbaum Foto: privat

Nisinbaum: Vor meiner Transplantation war Laufen ein extrem wichtiger und auch sehr unleidiger Teil meines Lebens, denn ich habe damals angefangen, um diesen festen Schleim, den man als Mukoviszidose-Erkrankte in der Lunge hat und der sie letztlich zerstört, besser abhusten zu können. Es war die Idee meines Vaters, forciert mit dem Laufen anzufangen, um den Schleim gezielt zu lockern. Laufen war meine Therapie, seit ich zehn Jahre alt bin. Und Laufen hat mir das Leben gerettet. Denn es hat mich relativ lange fitgehalten. Auch, als ich mich transplantieren lassen musste und an Laufen nicht mehr zu denken war, bin ich, obwohl ich spindeldürr und schlapp war, relativ schnell wieder auf die Beine gekommen.

Wo wären Sie heute ohne neue Lunge, Leber und Laufen?

Nisinbaum: „Six feet under“ wie die Amerikaner sagen – also nicht mehr da.

Sie begegnen Ihrem Schicksal mit einer gehörigen Portion Humor.

Nisinbaum: Ich bin von Haus aus ein positiver Mensch. In der Wartezeit vor meiner Transplantation war ich allerdings unausstehlich. Da war ich oft ekelig, weil ich um mein Leben kämpfen musste. Da konnte ich nicht noch nett und verständnisvoll gegenüber anderen sein.

Nehmen Sie uns mit in diese Zeit. Wie muss sich ein gesunder Mensch das Leben mit Mukoviszidose vorstellen?

Nisinbaum: Ein Leben mit Mukoviszidose ist ein Leben mit sehr viel Disziplin von Kindesbeinen an.

Wobei zum Beispiel?

Nisinbaum: Ich musste immer Pillen einnehmen. Ich war auf Kindergeburtstagen der Hit, weil ich als einzige vier Pillen auf einmal runterschlucken konnte. Ich musste eine fettfreie Diät halten und durfte auf Geburtstagen keine Pizza und Schokolade essen. Ich musste drei- bis viermal täglich inhalieren, Antibiotika nehmen, immer wieder ins Krankenhaus. Man muss hart mit sich und hart im Nehmen sein, um da irgendwie gut bei rumzukommen.

Hat Laufen Ihnen da ein Stück weit Normalität gegeben?

Nisinbaum: Ich habe an Wettkämpfen teilgenommen, weil es mir einfacher fiel, für meinen Erfolg zu laufen als für meine Gesundheit. In der Klasse war ich die Schnellste. Das war schön, da ich sonst eher gebrechlich war. Das Laufen war aber oftmals auch ein Zwang und eine große Qual, weil ich es machen musste. Ich bin 50 Meter gelaufen, habe dann so schwer gehustet, dass ich Nasenbluten bekommen und mich übergeben habe. Dann kamen die nächsten 50 Meter. Und das eine halbe Stunde lang. Und der Husten hat irre Kopfschmerzen verursacht.

War deshalb die Entscheidung, sich transplantieren zu lassen, einfach?

Nisinbaum: Die Entscheidung ist letztlich aufgrund meiner Leber gefallen. Sie hat mir die größten Qualen bereitet: Ich hatte viel Wasser im Bauch. Ich saß in meiner ersten Vorlesung unter Schmerzen und habe gedacht: Nein, das ist nicht das Leben, das ich leben möchte. Ich will alles oder nichts. Ich will mich transplantieren lassen und dann hoffentlich ein gesundes Leben zurückbekommen oder aber kein Leben haben. Da war ich ganz klar.

Wie ist es Ihnen ergangen?

Nisinbaum: Ich habe 15 harte Monate gewartet. Viele haben gedacht, dass ich es nicht mehr schaffen würde. Als der Anruf kam, es gebe Spenderorgane, war ich einfach nur erleichtert. Endlich hatte das Warten ein Ende. Ich war danach so schwach, dass ich meinen Kopf im Bett liegend nicht anheben konnte. Ich hatte nicht mehr genug Atemmuskulatur, um eigenständig zu atmen. Ein Jahr danach habe ich wieder mit Laufen angefangen. Es hat mir das Vertrauen in meinen Körper wiedergegeben.

Und heute gelten Sie aufgrund Ihrer Schwangerschaft sogar als medizinisches Wunder.

Nisinbaum: Soweit meine Ärzte wissen, bin ich die Einzige weltweit, die nach einer Doppeltransplantation von Lunge und Leber ein Kind bekommen hat. Das war nicht ganz einfach. Ich habe so gut wie keine Unterstützung von meinen Ärzten bekommen, weil mich alle für verrückt erklärt haben. Aber Noam ist gesund und munter und läuft mit mir um die Wette.

Sie sind jetzt quasi transplantiert gesund.

Nisinbaum: Genau. Denn als Transplantierter ist man nie ganz gesund. Man weiß nie, wie lange die Organe halten. Ich lebe ein gesundes Leben, aber die Zeit, die ist geliehen. Ich würde den Menschen noch gern etwas mitgeben.

Was denn?

Nisinbaum: Glaubt an Eure Träume, haltet daran fest, auch wenn andere sagen: Nein, das ist verrückt, das klappt nicht. Dafür bin ich ein lebendes Beispiel: Ich bin immer noch da. Ich habe ein Kind. Mir geht es gut. Alles Dinge, die eigentlich nicht möglich waren. Aber sie sind eben doch geschehen.

• Die Lesung: beginnt am Freitag um 19 Uhr im Klinikum Kassel, Mönchebergstr. 41-43, Haus E, Ebene 8. Der Eintritt ist frei.

• Das Buch: „Ich bin noch da“, 254 Seiten, C.M. Brendle Verlag, 15,50 Euro, ISBN: 978-3942796125

• Das Projekt: Sie macht sich für Organspenden stark. Nisinbaum sammelt Fotos anderer Transplantierter: Momente, die ohne Transplanation nicht möglich gewesen wären: http://www.kampagne-fuer-organspende.com

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.