Aus Nationalteam ins Auebad

Bis zur Flucht schwamm Abed Rifaaia für syrische Auswahl – jetzt trainiert er Kinder in Kassel

Ein Team am Beckenrand: Schwimmtrainer Timm Knappe vom Kasseler Schwimm-Verein (links) und sein Co-Trainer Abed Rifaaia, 19 Jahre alter Flüchtling aus Syrien, im Auebad beim Training der Nachwuchsgruppe. Foto: Schürgels

Kassel. Endlich wieder das Wasser spüren, endlich wieder schwimmen. Für Abdulrahman, kurz Abed, Rifaaia aus Damaskus hat sich dieser Traum nach mehr als einem Jahr Flucht und dem Ankommen in Kassel erfüllt. Beim Kasseler Schwimm-Verein arbeitet der junge Syrer mittlerweile als Schwimmtrainer.

Vor der flucht

Der 19-Jährige wurde mit zehn Jahren ins syrische Schwimm-Nationalteam berufen. Seine Lieblingsdisziplinen: Freistil und Rücken. In Wettkämpfen lieferte er Topleistungen ab, 2014 wurde er Juniorenmeister über 50 Meter Freistil. 2011 schwamm er auf Platz drei bei einer Meisterschaft in Aleppo. Seine Zeit: 1:17 Minuten über 100 Meter Rücken. Zum Vergleich: Der Weltrekord bei den Junioren liegt bei knapp 54 Sekunden. Auch im Freiwasser machte Abed Rifaaia eine gute Figur: „Mein letzter Wettkampf in Syrien war 2015, dort bin ich im Freiwasser geschwommen und wurde Achter.“

Seine ersten Züge im Schwimmbecken machte Abed Rifaaia mit sechs Jahren zusammen mit Yusra Mardini, die in diesem Jahr für das olympische Flüchtlingsteam bei den Spielen in Rio de Janeiro angetreten ist und für Furore gesorgt hatte, viele Medien berichteten über sie. Mardinis Vater war lange Zeit der Trainer der beiden.

Der Weg nach Kassel

Der Krieg in Syrien geht aber nicht spurlos an Abed und seiner Familie vorbei. Während seine Eltern weiterhin in Syrien leben, flieht er nach Europa. Seine Brüder leben nicht mehr. Darüber sprechen möchte er nicht. Der Weg von Abed Rifaaia führt über München nach Nordhessen. Am 12. Dezember 2015 kommt er in der Erstaufnahmeeinrichtung in Lohfelden an. „Die erste Zeit war schwer für mich, ich musste mich an die neue Sprache und den neuen Ort gewöhnen“, sagt der Syrer. Eine Hilfe in dieser Anfangszeit ist Sozialarbeiter Hans Kolbe. Er ist es, der Abed zum Kasseler Schwimm-Verein bringt.

„Das Gefühl nach so langer Zeit wieder das Wasser zu spüren war unglaublich“, sagt Abed Rifaaia mit strahlenden Augen. Das Schwimmen weckte in ihm neue Motivation: Morgens geht’s zum Deutschunterricht, nachmittags zum Training.

Das neue Leben

„Schnell wurde klar, dass der Junge etwas drauf hat“, sagt Timm Knappe vom Kasseler Schwimm-Verein. Er ist Sportlicher Leiter und trainiert die Nachwuchsschwimmer im Verein. Abed Rifaaia überzeugt nicht nur durch seine Leistungen im Wasser, auch seine Fähigkeiten als Übungsleiter kommen zum Vorschein.

„Plötzlich präsentierte uns Abed ein Trainerzertifikat“, erzählt Knappe. Der Deutsche Schwimmverband hat das Schriftstück geprüft. Die Trainererlaubnis aus Syrien ist hier gleichzusetzen mit der Erlaubnis als Assistenztrainer zu arbeiten.

Und das macht er auch. Zusammen mit Timm Knappe trainiert er 30 Kinder in der Anfängergruppe – zweimal die Woche für eine Stunde bringt Abed Rafaaia den Kindern die richtige Schwimmtechnik bei.

Doch auch selbst will Abed Rifaaia sich wieder messen und bei Wettkämpfen antreten. Schon in Kürze erhält der 19-Jährige für die Wettkämpfe eine Starterlaubnis.

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