Superschwergewichtler

Baunataler Gewichtheber vor dem Start in Rio: „Mehr essen, als der Hunger sagt“

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Lässt schwere Gewichte leicht und lässig aussehen: Der Baunataler Gewichtheber Alexej Prochorow. 

kassel. Er ist einer der stärksten Männer Deutschlands. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro vertritt der Baunataler Gewichtheber Alexej Prochorow die deutschen Farben.

Im Interview spricht der Superschwergewichtler über Fingerspitzengefühl, seinen Speiseplan und Olympia in der Familie. 

Herr Prochorow, können Sie eigentlich nähen?

Alexej Prochorow: Nein. Wieso?

Wie viel Fingerspitzengefühl hat denn ein starker Mann?

Prochorow: Wenn meine Knöpfe sich lösen, gehe ich zum Schneider. Ich habe noch nie genäht und wüsste überhaupt nicht, was ich mit Nadel und Faden machen muss. Wahrscheinlich hinge mein Finger nachher am Hemd mit dran. Ich bin auch nicht der allerbeste Handwerker. Das einzige, das ich beim Renovieren meiner Wohnung gemacht habe, war, mit dem Schlagbohrer die Wand aufzustemmen, damit ein Kabelkanal gelegt werden konnte.

Jede Menge Kraft haben Sie ja. Erklären Sie doch mal: Wie kommt man auf die Idee, 222 Kilogramm in die Höhe zu stemmen?

Prochorow: Gewichtheben ist messbar. Jeden kleinen Fortschritt bemerkt man sofort. Für mich macht das die Faszination unseres Sports aus.

Und wie geht’s den Knien eines Schwergewichtlers?

Prochorow: Jeder Leistungssport ist nicht immer ganz gesund für die Gelenke. Aber wenn man ihn richtig ausführt, ist da okay. Gerade bei uns ist das A und O ist die richtige Technik.

Wie hebt ein Gewichtheber richtig?

Prochorow: Das Hauptsächliche machen die Beine. Die Beine und der Rücken müssen stark sein. Die Arme machen so gut wie gar nichts, bis auf das Halten ganz oben. Wir schieben kaum aus den Armen raus, das kommt alles aus der Beinkraft. Die Arme müssen am Ende festgemacht werden.

Wie geht das?

Prochorow: Da läuft viel über den Kopf. Er ist ein entscheidender Faktor im Gewichtheben. Wir müssen die anderthalb Sekunden, die ein Versuch dauert, hochkonzentriert sein, um das Gewicht heben zu können. Wenn ich mir dann auch noch die ganze Zeit einrede, das wird jetzt schwer, das habe ich noch nie geschafft, dann hat man auch wirklich keine Chance. Da muss man immer schön positiv denken.

Sie können tatsächlich beim Gewichtheben noch denken?

Prochorow: Während des Versuchs weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt noch etwas denke. Aber unmittelbar davor gehe ich bestimmte technische Aspekte, die ich normalerweise gern mal falsch mache, für mich noch einmal durch.

Und in Houston haben Sie dann 222 kg in die Höhe gestemmt. Wie fühlt sich das an?

Prochorow: Bei der WM, als ich meine Bestleistung aufgestellt habe, war das ein klasse Gefühl. Denn ich wusste genau, dass ich mich damit für Olympia qualifiziert habe.

War Olympia ein Kindheitstraum?

Prochorow: Ja. Mein Vater Dimitri war 1996 bei den Sommerspielen in Atlanta. Das Thema Olympia hat mich deshalb immer begleitet. Es ist für jeden Leistungssportler das Größte, zu Olympia zu fahren.

Was hat Ihr Vater von Olympia erzählt?

Prochorow: Nicht viel. Wohl aber, dass man im ganzen Olympischen Dorf umsonst essen kann. Und natürlich, dass er Elfter geworden ist.

Wollen Sie besser sein?

Prochorow: Nein, ein familieninternes Duell gibt es nicht. Ich muss auch sagen: Elfter zu werden, ist schwer. Ein Top-10-Platz wäre ein Traum.

Welche Erwartungen haben Sie an Rio?

Prochorow: Ich bin extrem gespannt. Ich habe von vielen Seiten gehört, wie riesig dieses Sportereignis ist. Olympia ist nicht vergleichbar mit einer DM oder WM.

Kommen wir noch mal zurück zum Stichwort Essen: Was steht auf Ihrem Speiseplan?

Prochorow: Ich muss sehr viel essen. Denn ich bin für meine Gewichtsklasse ziemlich leicht. Ich achte schon darauf, dass ich viel Eiweiß zu mir nehme und Fette weglasse. Aber ich muss einfach mehr essen, als ich Hunger habe. Einen genauen Speiseplan gibt’s deshalb nicht. Eigentlich habe ich morgens gar keinen Hunger. Aber schon zum Frühstück gibt es fünf Spiegeleier und zwei belegte Brötchen, mittags und abends Fleisch, Nudeln und Kartoffeln. Und dann noch zwei Zwischenmahlzeiten: Um drei Uhr gibt’s Protein-Pancakes. Und abends um 10 Uhr muss ich nochmal etwas essen. Ich komme pro Tag auf 6000 Kalorien. Die Menge macht’s bei mir. Ich bin froh, wenn ich bei Olympia ein Kilo mehr wiege.

Einen Gewichtheber darf man ja fragen: Wie viel wiegen Sie denn aktuell?

Prochorow: 136 Kilogramm. Damit bin ich ein Leichtgewicht. Die schweren Jungs bei uns wiegen 160 Kilogramm. Ich bin recht groß, deshalb ist 160 auch das, was ich wiegen sollte, um mithalten zu können.

•  Alexej Prochorow fliegt am 8. August nach Rio. Sein Olympia-Wettkampf: Dienstag, 16. August

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