Sprung im Trikot des KSV Hessen Kassel

Vellmarer sprang 1967 so weit wie Deutscher Meister

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In Aktion: Dreispringer Günter Zeiß Mitte der 1960er-Jahre im Trikot des KSV Hessen.

Kassel/Vellmar. 16,29 Meter - da war doch was!? Günter Zeiß jedenfalls war hellwach, als er am Samstag am Fernseher die Berichterstattung von der Deutschen Meisterschaft der Leichtathleten verfolgte.

16,29 m nämlich erreichte der Berliner Raul Spank im Dreisprung und sicherte sich damit in Nürnberg den Titel.

„Nur 16,29“, wie Zeiß feststellte. Denn exakt diese Weite hatte der Vellmarer schon 1967 in Stuttgart selbst gesprungen. Vor 48 Jahren. Damals noch im Trikot des KSV Hessen Kassel, war der heute 74 Jahre alte Vellmarer auf nationaler Ebene erste Klasse. 1962 hatte er sich mit (west-) deutschem Rekord von 15,79 m in Hamburg selbst den DM-Titel geholt, zwei weitere folgten.

Der Sprung auf die große internationale Bühne aber blieb Zeiß versagt. „Bei der letzten Qualifikation für die Europameisterschaft in Belgrad hat es mich erwischt“, berichtet er. Er knickte um und so ziemlich alles war kaputt in einem Sprunggelenk.

Günter Zeiß heute

Zeiß rappelte sich über zwei Jahre hinweg mühevoll wieder auf, kam noch einmal zurück. Doch bald schon fand er Spaß als Trainer und ist nun schon seit 26 Jahren ein erfolgreicher Talentschmied bei seinem SSC.

Beim Blick nach Nürnberg und auf Spanks Titelgewinn aber wurde Zeiß wehmütig. „In einigen Bereichen stagniert die deutsche Leichtathletik, es geht nicht voran“, beklagt der Senior. Vier bis fünf Stunden pro Woche habe er damals nur trainiert, dazu zwei, drei Stunden Fußball gespielt. Und heute springt der Deutsche Meister genauso weit?! Oder muss man sagen kurz?

Es hat sich so viel verbessert: Der federnde Kunststoff-Belag soll gegenüber der alten Aschenbahn im Weitsprung bis zu 30 Zentimeter bringen, sagt Zeiß, in seiner Disziplin Dreisprung gar 50 Zentimeter. Die Schuhe wurden enorm verbessert, die Trainingsmethodik dank wissenschaftlicher Erkentnisse weit vorangebracht. „Aber die sportlichen Leistungen entwickeln sich parallel dazu nicht so recht weiter“, sagt Zeiß auch mit bangem Blick zur anstehenden Weltmeisterschaft in Peking vom 22. bis 30. August.

Defizite sieht der heutige Breitensportler schon an der Basis. „Fun-Sportarten sind bei vielen jungen Leuten gefragter als die Klassiker Leichtathletik oder Turnen. Im Schulsport wird kaum noch Leichtathletik betrieben, und es gibt zu wenige Sportlehrer, die sich auch als Trainer in ihrer Sportart engagieren. Insgesamt“, so Zeiß, „fehlt die Breite, um eine starke Spitze herauszubilden.“ Eine Spitze, die schließlich weiter springt als 16,29 Meter. Archivfotos: privat/nh, Schachtschneider /nh

Stagnation statt neuer Rekorde

Deutsche Leichathletik: Die älteste Bestmarke ist 36 Jahre alt 

Günter Zeiß spricht an, was auffällig ist in der deutschen Leichtathletik - Stagnation in einigen Bereichen. Ein Blick in die Bestenlisten bestätigt das. Hier einige Stichworte - ungeachtet aller Dopingdiskussionen:

Raul Spank

Der jüngste deutsche Rekord wurde am 26. Juli 2014 in Ulm notiert: Julian Reus (Wattenscheid) lief 100 Meter in 10,05 Sekunden. 29 Jahre, nachdem der Magdeburger Frank Emmelmann 1985 in 10,06 gestoppt worden war. Aber: 1960 war Armin Hary in handgestoppten 10,0 (elektronisch ca. 10,20) als letzter Europäer noch schnellster Mann auf dem Globus. Heute steht Usain Bolts Weltrekord bei 9,58 Sekunden. Reus lief als Meister in Nürnberg 10,12.

Die letzte Bestmarke bei den Frauen stellte Silke Spiegelburg aus Leverkusen am 20. Juli 2012 in Monaco auf. Die Stabartistin übersprang 4,82m.

In diesem Jahrtausend gab es nur vier deutsche Rekorde bei den Männern und immerhin neun bei den Frauen.

36 Jahre alt ist die älteste gesamtdeutsche Bestmarke: Am 10. Juni 1979 lief Marita Koch aus Rostock die 200 Meter in Chemnitz in 21,71 Sekunden. Am 29. Juni 1986 egalisierte Heike Drechsler (Jena) diese Zeit. Bei den Männern ist Lutz Dombrowski (Chemnitz) seit 35 Jahren unerreicht. In Moskau sprang er am 28. Juli 1980 8,54 m weit. Immerhin: Sebastian Bayer (Bremen / 2009) und Christian Reif (Ludwigshafen / 2014) kamen dicht heran - 8,49.

Am 27. August 1980 lief Thomas Wessinghage aus Mainz 1500 Meter in 3:31,58 Minuten. Rekord bis heute. Schneller auch als nun der Schwälmer Florian Orth. Dessen Bestzeit steht als ewiger Ranglisten-13. bei 3:34,54; in Nürnberg wurde er nach vielen Uni-Prüfungen nun Meister in 3:44,61 min.

6,74 Meter reichten Lena Malkus (Münster) jetzt zum Weitsprung-Titel vor Sosthena Moguenara (Wattenscheid / 6,65). Die hatte 2013 mit 7,04 die beste Weite seit 1988 (!) erreicht, als Heike Drechsler 7,48 m gesprungen war. (sam)

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