Video: Schluckauf bei 170 - Als Beifahrer bei der Rallye-Meisterschaft

Einmal in einem Rallyeauto über den Asphalt rasen - welcher Motorsportfan träumt nicht davon? Volontär Sebastian Schaffner durfte die Thüringen-Rallye vom Beifahrersitz miterleben.

Das Wetter könnte besser kaum sein - wenn man Zuschauer ist: blauer Himmel, kein Wind, 30 Grad. Heute ist aber nicht Zuschauen angesagt, heute bin ich Beifahrer bei der Thüringen-Rallye. Am Steuer sitzt einer der erfahrensten Rennsportpiloten unserer Region: Der mehrfache Deutsche Meister Horst Rotter aus Großalmerode.

Start- und Zielort ist das 13 000-Einwohner-Städtchen Pößneck. Aus Sicherheitsgründen müssen wir Helme tragen und in feuerfeste Ganzkörper-Rennanzüge steigen. „Nimm Dir was zu trinken mit, das wird nachher heiß im Cockpit“, rät mir Horst, der gleich das Du anbietet. Das sei so üblich, wenn man gemeinsam mit 170 Sachen durch die ostdeutsche Prärie fegt.

Das Auto, ein Opel Adam Cup mit 140 PS, wirkt auf den ersten Blick wie ein harmloser Kleinwagen. Doch alles, was bei einer Rallye entbehrlich ist, fehlt. Rücksitze? Hutablage? Oder gar ein Navi? Alles ausgebaut. Dafür überall Stahlrohre, die einen riesigen Überrollbügel bilden. Die Techniker, die mir in den Flitzer helfen, nennen das: Käfig.

Durchgeschüttelt am Start

Bis zur ersten Wertungsprüfung, einer 15 Kilometer langen Strecke über kurvige Landstraßen und abgesperrte Dörfer, liegen 30 Kilometer im regulären Straßenverkehr vor uns. Der Motor ist so laut, dass wir uns nur über Kopfhörer verständigen können. Nachdem Horst die Reifen durch ruckartiges Hin- und Herlenken warmgefahren und die Bremsscheiben auf Temperatur gebracht hat, ist klar: Eine Spazierfahrt wird das hier nicht. Durchgeschüttelt wie nach einem Rodeo kommen wir am Start an.

„Bei der letzten Prüfung saß hier ein Vertreter von Opel auf dem Beifahrersitz“, erzählt Horst über das Headset. Doch der Magen des Beifahrers sei mit der rasanten Fahrweise überfordert gewesen. Na, das kann ja was werden.

Wie auf einem Katapult

An der Startlinie zieht Horst unsere Sicherheitsgurte nach, wir setzen die Helme auf und nicken uns zu. „Wenn’s zu wild wird, sag’ Bescheid“, ruft er über Lautsprecher gegen den aufheulenden Motor an. Einverstanden. Und dann drückt er aufs Gas. Der Adam schießt wie von einem Katapult abgefeuert nach vorn. Wir werden mit brachialer Kraft in die Schalensitze gedrückt. Der Start mit einer Boeing ist nichts dagegen. Horst schaltet wie ein Roboter durchs Fünf-Gang-Getriebe. Schneller, immer schneller rasen wir auf die erste Biegung zu. Horst nimmt die Kurve scharf, schnell, präzise. Kaum zu glauben, dass der rechte Außenspiegel diese Tour überstehen wird. Denn Horst macht keine Anstalten, auch nur einen Zentimeter von der Ideallinie abzuweichen - egal ob Leitpfosten, Straßenschilder oder Äste ins Blickfeld rasen. Über die Kopfhörer hört man seinen schnellen Atem. Der knapp 1100 Kilogramm leichte Flitzer liegt bretthart auf der Straße, jede Bodenwelle verursacht eine Art Ganzkörper-Schluckauf.

7000 Zuschauer in Pößneck

Obwohl die regulären Fahrer erst nach uns auf die Strecke gehen, stehen schon jetzt viele der insgesamt 7000 Zuschauer am Straßenrand. In unserem Käfig herrschen mittlerweile subtropische Temperaturen. Dann der letzte Kilometer - leider. Es macht richtig Spaß, mit Horst durch die Gegend zu rasen. Sicherheit, das hatte er vorab betont, gehe ihm aber bei allem Ehrgeiz stets über alles. Und sicher fühle ich mich.

Im Ziel reißen wir die Fenster auf und setzen die Helme ab. Beruhigend, dass auch Horst nassgeschwitzt ist. „Alles gut?“, fragt er. Alles gut.

Unsere Zeit hätte im regulären Teilnehmerfeld übrigens fürs Podest gereicht. So hat sich das auch angefühlt.

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