Kommentar zum letzten Gruppenspiel: Wenn das Maß verloren geht

Ein Artist am Ball: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht vor dem letzten Gruppenspiel bei der EM gegen Nordirland heute eigentlich gut da. Trotzdem hagelt es Kritik von allen Seiten, und der Eindruck: Das wird nichts mehr. Das aber ist maßlos übertrieben. Ein Kommentar von Florian Hagemann.

Wer dieser Tage die allumfängliche Berichterstattung über die deutsche Fußball-Nationalelf inklusive aller verbaler Einwürfe ehemaliger Nationalspieler verfolgt, der muss sehr schnell zu einem Schluss kommen: Das alles ist ganz furchtbar und perspektivlos. Keine Offensive, eine sehr wechselhafte Defensive, keine Führungsfiguren - und überhaupt: Wie nur weit kommen in diesem Turnier, wenn heute schon das dritte Gruppenspiel gegen Nordirland zum Problem werden könnte?

Macht mal langsam, ließe sich da gern zwischenrufen und fragen: Ist dieses immer lauter werdende und sich verselbstständigende Gemecker nicht hoffnungslos übertrieben?

In der Tat muss es relativiert und eingeordnet werden als Phänomen der heutigen Mediengesellschaft, in der eine Fußball-EM auch ein Marktplatz der Meinungen ist: Jeder wird gehört. Je steiler die These, desto höher die Aufmerksamkeit - zu sehen an der Bemerkung des ehemaligen deutschen Kapitäns Michael Ballack, dem aktuellen Team fehle es an Persönlichkeit und Charakter.

Eine solche These gerät in Sekundenschnelle in den Diskussionsquirl der sozialen Netzwerke. Am Ende ist dann alles zerredet. Und der Eindruck entsteht: Nichts ist gut, da gerade das Internet kaum Differenzierungen kennt.

Nichts ist gut? Ja, die deutsche Mannschaft hat im ersten Spiel gegen die Ukraine Ende der ersten Halbzeit die Kontrolle verloren. Und ja, die deutsche Mannschaft hat im zweiten Gruppenspiel gegen Polen keine Lösung gefunden, gefährlich vor das Tor des Gegners zu kommen. Aber: Sie ist im Soll und hat alle Möglichkeiten, die Gruppenphase auf Platz eins zu beenden. Und wenn nicht? Kommt sie trotzdem weiter.

Also ist es bei aller berechtigter Kritik vor allem an der bisher fehlenden Kreativität im Angriffsspiel geboten, das Maß nicht zu verlieren. Insbesondere müssen die ungeschriebenen Regeln eines Turniers berücksichtigt werden: Da beginnt sehr selten ein Team mit einem Paukenschlag - und dann legt es noch zu. Titel gewinnt vielmehr der, der sich zu steigern vermag und der sich auf unterschiedliche Gegner einzustellen vermag.

Gerade hier ist der deutschen Elf viel zuzutrauen. Das zeigt ein Blick auf die vergangene WM, als die Nation nach dem Zittersieg im Achtelfinale gegen Algerien in heller Aufregung war, ehe die Party richtig begann - mit dem Jahrhundertspiel gegen Brasilien als Höhepunkt der Fußballkunst. Das zeigt, dass die Schwächen in einer Begegnung nicht zwangsläufig dazu führen, dass es auch im weiteren Verlauf stockt.

Selbst wenn es auch heute gegen wohl sehr defensiv eingestellte Nordiren - zwangsläufig - wieder zäh werden sollte: Das junge deutsche Team hat die Fähigkeit, gegen jeden Gegner zu bestehen und die Motivation über eine lange Strecke aufrechtzuerhalten - das ist ihre große Stärke. Ihre Glanzauftritte hatte sie ja nie gegen die Zwerge, sondern gegen die vermeintlich Starken, die mitspielen und Räume bieten.

Es gibt also gute Gründe anzunehmen, dass die Partie heute gegen Nordirland nicht der Anfang vom Ende ist, sondern erst der Anfang.

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